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Schachverstand im Münsterland
Aktualisiert (Montag, den 06. Februar 2012) Geschrieben von: Ulrich Geilmann Montag, den 06. Februar 2012
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Ulrich Geilmann berichtet vom Bundesligawochenende in Emsdetten
Große Sportereignisse brauchen griffige Überschriften. Man kennt The Thriller in Manila oder erinnert sich wehmütig an The Rumble in the Jungle.
Nun gut. Ich bin nicht Don King (auch wenn die Wärme spendende Tschapka auf dem Bild entfernt an die Haarpracht des zwielichtigen Boxpromotors erinnert) und die SF Katernberg sind nicht Muhammad Ali.
Gleichwohl sollte es ein spannendes Schachwochenende in Emsdetten werden, wobei die Ausgangsbedingungen durchwachsen waren: Mit Werder Bremen, das die Auslosung am Samstag präsentierte, stand uns ein Gegner der internationalen Spitzenklasse gegenüber, dem wir in der Vergangenheit zumeist sperrige Kämpfe lieferten. Letztlich mussten wir uns aber leider dann doch genauso häufig der schnöden Eloübermacht beugen.
Und der SK Turm Emsdetten? Tja, eigentlich ein mehr als gleichwertiger Spielpartner, der allerdings in der laufenden Saison einige Schwierigkeiten hatte und quasi punkten musste, um nicht in den Abstiegsstrudel zu geraten. Unsere freundlichen Gastgeber würden also dem entsprechend Alles aufbieten, um uns das Leben schwer zu machen. Georgios Souleidis sah das in seinem Vorbericht übrigens auch so.
Aber nicht dass Sie jetzt denken, ich sei ein Berufspessimist! Na gut! Ich bin tatsächlich einer!
Dennoch ging ich durchaus selbstbewusst in das Wochenende. Denn bislang hatten wir eine ziemlich optimale Ergebnisausbeute erzielt und mit den Großmeistern Parimarjan Negi, Klaus Bischoff, Nazar Firman, Sebastian Siebrecht und Igor Glek sowie den spielstarken Titelträgern Ilja Zaragatski, Matthias Thesing und Jens Kotainy auch dieses Mal wieder ein konkurrenzfähiges Team am Start. Ich rechnete also mit mindestens einem Mannschaftspunkt.
Abgesehen davon waren die äußeren Rahmenbedingungen hervorragend: Die Anreise der Spieler klappte trotz der saukalten Witterung ziemlich reibungslos, unser Teamhotel Kloppenburg lieferte gemütlich-warme Zimmer, eine urige Atmosphäre und leckeres Essen, die Verbundssparkasse Emsdetten war ein Spiellokal mit bestem Standard und die Sonne schien herrlich!
Leider gab es einen kleinen Wehmutstropfen: Unser bayrisches Maskottchen Heidi Saller war kurzfristig erkrankt und konnte uns vor Ort nicht wie gewohnt unterstützen. Sie war aber zumindest via Liveübertragung, die übrigens von Axel Fritz gecoacht wurde, bei uns. Mehr kann man eigentlich nicht verlangen.
Um 13.30 Uhr dann die Mannschaftsmeldung. Keine wirklichen Überraschungen. Bremen war - wen wundert’s - klarer Elofavorit.
| Werder Bremen | - | SFK |
|---|---|---|
| Gashimov | - | Negi |
| Fressinet | - | Bischoff |
| McShane | - | Firman |
| Areshenko | - | Siebrecht |
| Nybäck | - | Zaragatski |
| Hracek | - | Kotainy |
| Rapport | - | Glek |
| Babula | - | Thesing |
Um 14.00 Uhr pfiff der beliebte Bundesligaschiedsrichter Jürgen Göldenboog die Begegnungen pünktlich an. Nun galt’s!
Wie schwer es ist, seine Schäfchen zusammen zu halten, durfte ich sofort nach Spielbeginn erfahren: Parimarjan, der bereits am Freitag von Gibraltar via Malaga und Frankfurt-Haan angereist war - fehlte. Absolut unerklärlich. Aber er hatte wohl den Anschluss verpasst und wurde - wie sich kurz danach herausstellte - von unserem Herbergswirt in die falsche Richtung geschickt. Das Suchkommando (in Gestalt von Ingrid Lauterbach) machte sich sofort auf Rettungsmission. Doch unser Globetrotter fand den Weg dann doch allein. Allerdings auf Kosten seiner Bedenkzeit. Ich hoffte inständig, dass ihm diese 10 Minuten hinterher nicht fehlen würden.
Dafür waren aber wenigstens Ilja und Jens rechtzeitig im Spielsaal. Ilja hatte wichtige Klausuren vor der Brust und wollte noch lernen. Er traf deshalb erst kurz vor Kampfbeginn ein. Jens wurde wohl aus dem gleichen Grund von seinem Vater vorbei gebracht. Somit hatten wir diesmal immerhin 2 Schlachtenbummler in der Fankurve! Aber zurück zu den Partien:
Mein erster Rundgang nach knapp 60 Minuten Spielzeit zeigte mir eine solide Eröffnungsarbeit meiner Jungs. Zumindest konnte ich auf die Schnelle keine besonderen Stellungs- oder Materialprobleme ausmachen. Sah alles relativ gediegen aus. Was soll auch gegen einen nominell stärkeren Gegner schief gehen? Da kann man locker aufspielen! Okay, vielleicht behandelte Matthias das angenommene Damengambit zunächst etwas zu passiv. Aber andererseits hat ein gewisses Maß an Vorsicht auch noch niemandem geschadet.
Übrigens war die Bewirtung im Spiellokal nicht nur kostenfrei für die Besucher, sondern auch noch besonders lecker. Und das bei freiem Eintritt! Ein dickes Lob an den Ausrichter, der als Zugabe überdies eine qualitativ hochklassige Livekommentierung bot! Toll!
Die zweite Spielstunde brachte kaum Veränderungen. Allerdings setzte inzwischen Igor spürbare Akzente. Er drückte mit verdoppelten Türmen gegen das rückständige Zentrum seines Gegners und setzte alles daran, das Stellungsplus in einen Materialvorteil umzumünzen.
Im Gegenzug verhedderte sich jedoch Parimarjan, der am Montag dann weiter zum Aeroflot-Open in Moskau reisen wollte, in den Varianten. Hier schien der bärenstarke GM Vugar Gashimov so langsam aber sicher die Oberhand zu gewinnen.
Einen ähnlichen Eindruck hatte ich erst auch bei den Partien Areshchenko - Siebrecht und Zaragatski - Nybäck. Hier konnte man mikroskopisch kleine Vorteile für die Bremer erahnen. Allerdings waren die Stellungen noch im Aggregatszustand zähes Gewürge, so dass man nicht wirklich eine Prognose wagen durfte.
Die übrigen Partien dümpelten zu diesem Zeitpunkt aber mehr oder weniger im weitgehend eisfreien Remishafen.
Was in diesem Zusammenhang weitgehend eisfrei bedeutet, mag man am Untergang der Titanic ermessen. Der Eisberg, der die Katastrophe bewirkte, war schließlich auch nicht so groß. Andererseits ist die SF Katernberg kein Dampfer. Also: Zum Teufel mit den Torpedos! Volle Kraft voraus!
Mein Gott, wie krieg ich bloß diese martialischen Bilder wieder aus meinem Kopf?!
Um 17.00 Uhr lief urplötzlich das indische Flagschiff HMS Parimarjan auf. Er stellte in hochgradiger Zeitnot zunächst einen Bauern und kurz danach die Partie weg. Das war ziemlich bitter. (0:1).
Es folgte eine Zugwiederholung am 8. Brett. (0,5:1,5). Matthias, der den fortgesetzten Schachgeboten nicht gut ausweichen konnte, durfte mit seiner Leistung gegen den nominell deutlich stärkeren GM Babula aber ganz zufrieden gewesen sein.
In diesem Moment beschlich mich allerdings das ungute Gefühl, dass wir in einigen wichtigen Partien das Nachsehen haben könnten. Besonders Jens und Ilja schienen irgendwie mit dem Rücken zur Wand zu stehen. Aber eine halbe Stunde später wandelte sich das Bild wieder ein Stück. Die typischen Wellen in rauer See:
Während sich Ilja aus dem Nebel zu kämpfen schien, hatten plötzlich Klaus und Nazar klare Vorteile, wobei Igor und Sebastian zumindest einen Hauch besser standen. Kurz vor der Zeitkontrolle ging’s dann teilweise wieder Abwärts. Dabei fügte sich zunächst Jens in sein Schicksal (0,5:2,5), während die Partie Firman – McShane abermals jäh zugunsten des englischen Großmeisters kippte. Chaotischer geht’s wohl kaum.
Der 40. Zug bot dann die Gelegenheit, erst einmal wieder durchzuatmen und in der gebotenen Ruhe eine systematische Stellungsbeurteilung vorzunehmen:
- Klaus: Stellungsvorteil im Endspiel Dame / Springer gegen Doppelturm / Springer.
- Nazar: McShane im Vorteil, aber weit vorgerückter Freibauer. Fudelchancen.
- Sebastian: Remisliches Turmendspiel mit Minusbauer.
- Ilja: Dynamischer Vorteil in komplizierter Stellung.
- Igor: Mehrbauer im Turmendspiel, Gewinn möglich.
Um 19.00 Uhr dann aber der absolute Supergau: Klaus begeht praktisch Harakiri, in dem er seinen Springer in eine tödliche Fesselung manövriert! Oh Mann! Dabei hatten sich mittlerweile sowohl Igor als auch Ilja fast schon greifbare Gewinnoptionen erarbeitet! Jetzt war wieder alles in Frage gestellt, zumal Nazar inzwischen seinen vorgerückten Freibauern und damit seine besten Schwindelchancen eingebüßt hatte.
Eine halbe Stunde später materialisierte sich dann das Desaster. Klaus musste seine inzwischen hoffnungslos gewordene Stellung aufgeben. (1,0:4,0). Aber wenigstens war diesmal Verlass auf Igor. Er fuhr sein Turmendspiel mit traumwandlerischer Sicherheit nach Hause. (2,0:4,0).
Um 20.00 Uhr machte dann allerdings der sympathische Luke McShane den Sack zu. Dabei war die Gewinnführung sogar noch hübsch anzusehen. (2,0:5,0). Die Partie von Ilja hatte danach leider nur noch statistischen Wert! Der Ärmste übersah dabei auch noch die Gewinnführung und spielte nach über 7 Stunden Spielzeit „nur“ Remis (2,5:5,5). Das amtliche Endergebnis wäre aber auch mit einem halben Punkt mehr frustrierend gewesen. Traurig aber wahr. Gut gekämpft und doch verloren.
Das anschließende Videointerview, das ich Axel Fritz gab, war entsprechend dunkel gefärbt. Ich konnte meine Enttäuschung nicht verbergen.
Für mich stand jedenfalls fest, dass wir insgesamt mindestens 2½ Punkte verschenkt haben. Gleichwohl Glückwünsch in die Hansestadt!
| Werder Bremen | 5½:2½ | SFK |
|---|---|---|
| Gashimov | 1:0 | Negi |
| Fressinet | 1:0 | Bischoff |
| McShane | 1:0 | Firman |
| Areshenko | ½:½ | Siebrecht |
| Nybäck | ½:½ | Zaragatski |
| Hracek | 1:0 | Kotainy |
| Rapport | 0:1 | Glek |
| Babula | ½:½ | Thesing |
Wie am Vorabend traf sich das Team danach zum gemeinsamen Dinner im Hotel. Richtig entspannte Stimmung wollte dabei aber nicht aufkommen. Ich mochte mir indes mal was Besonderes gönnen und hab zum ersten Mal in meinem Leben Känguru-Filet probiert. War echt sättigend und schmackhaft, aber ob ich wohl im Schlaf aus dem Bett hüpfen würde?
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