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Finale in Mülheim
Aktualisiert (Dienstag, den 17. April 2012) Geschrieben von: Ulrich Geilmann Dienstag, den 17. April 2012
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Schlussrunde der Schachbundesliga in Mülheim
Um es vorweg zu nehmen: Das war eine ausgesprochen gute Saison für Katernberg! Hätte vor der zentralen Auftaktveranstaltung irgendwer darauf gewettet, dass wir uns von Beginn an in der oberen Tabellenhälfte tummeln würden? Selbst ich war höchst skeptisch, als ich zum ersten Mal die Meldebögen unserer Konkurrenten auf den Tisch bekam. Doch unser Team hat überzeugend gekämpft und ich bin riesig stolz auf unsere Mädels und Jungs! Danke an alle, die das möglich gemacht haben! Besonders bedanken möchte ich mich hier aber auch bei unseren Sponsoren und der treuen Fangruppe. Eure Unterstützung war Ansporn und Verpflichtung zugleich!
Aber spulen wir doch die Zeit noch einmal kurz zurück vor die letzte Doppelrunde:
Wieder einmal fand das Saisonfinale in der raumgreifenden Stadtsparkasse Mülheim statt. Das hat ja fast schon Tradition. Guter Brauch ist auch, dass sich das Team am Vorabend des Schachwochenendes zu einem gemeinsamen Abendessen trifft. So auch diesmal. Leider war aber mit GM Andrei Volokitin, GM Yuriy Kryvoruchko, IM Ilja Zaragatski, GM Igor Glek und IM Matthias Thesing nur ein Teil der Mannschaft vor Ort. Irgendwie sind einige Leute wohl auf der Strecke geblieben. Es fehlten insbesondere FM Jens Kotainy, IM Dr. Christian Scholz und WIM Sarah Hoolt. Trotzdem war’s ein schöner Abend mit gutem chinesischem Essen, launigen Gesprächen und fast schon familiärer Stimmung.
Andrei war übrigens mit Schwester und Vater angereist. Die Familie hatte den weiten Weg aus der Ukraine mit dem Auto zurückgelegt, um auf der Rückfahrt einen kürzlich erworbenen Fernseher mitzunehmen.
Am nächsten Morgen wollte ich eigentlich früh raus, um unsere bajuwarische Auslandskorrespondentin Heidi Saller abzuholen. Hätte ich zumindest gerne getan, denn Sie gehört mittlerweile fast schon zur organisatorischen Stammbesetzung. Doch leider plagte sich die Gute mit einem leidigen Hexenschuss, der sie vollends außer Gefecht setzte. Dafür hatte ich am frühen Morgen noch ein total nettes Telefonat mit Robert Ris. Robby, der vor kurzem sein 1. Schachbuch veröffentlicht hat und neuerdings auch bei ChessBase aktiv ist, feierte just am Samstag seinen 24. Geburtstag in Amsterdam; dem Vernehmen nach im Rahmen einer mittelschweren Orgie! Trotzdem wollte er das Team grüßen und sich am Nachmittag noch die Partien im Internet ansehen. Eingefleischte Schachspieler sind wirklich ein wenig verrückt! Andererseits spricht auch das wiederum für den außerordentlich guten Teamgeist im Katernberger Gespann! War das vielleicht das Geheimrezept in dieser Saison? Muss wohl, denn kurz vor Partiebeginn rief mich dann auch noch Klaus Bischoff, der kürzlich in Deizisau ein riesiges Turnier gespielt hat, an und wünschte dem Team viel Glück und gute Partien! Er würde an diesem Wochenende zusammen mit Georgios Souleidis live aus Baden-Baden berichten. Sebastian Siebrecht melde sich ebenfalls und bot sogar noch seine Dienste an, falls jemand fehlen würde. Das nenne ich Mannschaftsgeist!
Da Andrei ab dem Abend bei Bernd Rosen einquartiert werden sollte, mussten er und seine Familie allerdings bereits etwas früher aus dem Hotel auschecken. Für die Übergangszeit stellte ich jedoch mein Hotelzimmer zur Verfügung, damit dadurch nicht die wertvolle Vorbereitungszeit unterbrochen werden musste. Ich mach das ja immer so, dass ich mich auch bei Heimkämpfen privat im Teamhotel einquartiere, um mir die mehrfachen An- und Abreisen zu ersparen und näher bei der Mannschaft zu sein, falls es doch mal wider erwarten Probleme gibt. Diesmal war das also doppelt sinnvoll. Außerdem wollte ich sowieso an die Luft. Und, wer läuft mir da vor die Füße? Gleich zwei namhafte Landespotentaten! Nämlich Hannelore Kraft (Ministerpräsidentin des Landes NRW) und Klaus Wowereit (Regierender Bürgermeister des Landes Berlin). Die machten da Wahlkampf. Ich soll schön grüßen!But back to business:
Nach einem kräftigen Frühstück bereitete sich unser Team also zunächst gegen den SC Remagen vor. Die Mannschaft um Peter Noras ist leider einer der großen Verlierer der Saison. Von Anfang an spielte das nominell hoch eingeschätzte Team mit dem Rücken zur Wand. Der dadurch entstandene Erfolgsdruck wurde immer größer und schon bald gehörte Remagen tatsächlich zum engeren Kreis der Abstiegsaspiranten. Irgendwann wurde der Albtraum dann zur bösen Realität! Ich bedauere das sportlich und menschlich.
Da der SC Remagen also auf jeden Fall absteigen würde, rechnete ich eigentlich nicht mehr mit der 1. Garde des Clubs. Allerdings hatte Peter in der Vorberichterstattung einen beachtlichen Achter angekündigt: Fedorchuk, Parligras, Jones, Dgebuadze, Swinkels, Bok, Popovic und Kipper. Wenn das tatsächlich zuträfe, würde es sicher kein entspannter Nachmittag werden. Es sei denn, der alte Strategiefuchs bluffte. Nun, er tat es nicht. Remagen wollte sich offensichtlich mit Paukenschlägen aus der 1. Bundesliga verabschieden:
| SF Katernberg | - | SC Remagen |
|---|---|---|
| Volokitin | - | Fedorchuk |
| Kryvoruchko | - | Parligras |
| Zaragatski | - | Jones |
| Kotainy | - | Dgebuadze |
| Glek | - | Swinkels |
| Thesing | - | Bok |
| Dr. Scholz | - | Popovic |
| Hoolt | - | Kipper |
Summa summarum lagen die nominellen Vorteile klar auf Remagener Seite. Wie so oft in dieser Saison mussten wir uns also an den meisten Brettern einer - wenn auch zum Teil kleinen - Eloübermacht erwehren. Bisher ist das ja eigentlich immer recht gut gelungen, wenn man mal von den jüngsten Debakeln gegen den Hamburger SK und die SF Berlin absieht, die mir allerdings immer noch irgendwie in den Knochen stecken.
Nebenbei bemerkt haben sich Andrei und Yuriy übrigens kürzlich bei der European-Chess-Championship für den 2013 stattfindenden Worldcup qualifiziert. Andrei knackte dabei en passant auch noch die magische 2700-er Elohürde. Das sind wirklich schon höhere Weihen!Vor Wettkampfbeginn ergab sich natürlich die eine oder anderen Gelegenheit zum lockeren Plausch. Dabei war es für mich eine besondere Freude, mal wieder mit Erwin l’Ami zu quatschen, der uns ja leider vor zwei Jahren verlassen hat.
Nach den üblichen Eröffnungsreden pfiff Schiedsrichter Klaus Deventer, der zu den TOP-Regelfürsten des Deutschen Schachbundes gehört, die Partien pünktlich um 14.00 Uhr an. Zunächst gab es aber noch Rückfragen zur Kleiderordnung. Irgendwie klappt das (auch bei uns) noch nicht so recht. Daran müssen die betroffenen Bundesligavereine noch einmal arbeiten, zumal die Regelung wohl bald bußgeldbewährt wird.Aus der Eröffnungsphase stach für mich besonders die Partie Jones – Zaragatski heraus. Dabei opferte der starke Brite in der Tarrasch-Variante der Französischen Verteidigung seinen Zentralbauern auf e5; offenbar um zu versuchen, den gegnerischen König nach einem Damenschach in der Brettmitte festzunageln. Das würde ein heißer Tanz werden. Ich stellte mir allerdings die Frage, ob die Spielführung unseres Sonnyboys wirklich solide war, zumal auch der rückständige schwarze Bauer auf e6 anfällig schien; zumindest bildete er eine Angriffsmarke. Aber man würde ja sehen. Spannend war’s allemal, zumal Ilja äußerlich auffällig cool wirkte. Vermutlich sah ich also Gespenster. Jedenfalls gönnte ich mir auf den Schreck erstmal einen kulinarischen Genuss in Form eines leckern Schnitzels mit Kartoffelsalat sowie die erste Tasse Kaffee des Nachmittages. Übrigens war die Verpflegung in Mülheim wie immer deliziös und reichlich.
Ansonsten gab’s keine besonderen Vorkommnisse, wobei ich allerdings keine Partie sah, die nicht eine gewisse Grundschärfe aufwies. Insofern nahm ich mir vor, meinen Kaffeeverbrauch im Auge zu behalten, zumal ich eh schon immer nervös genug bin und wie Tigger durch den Turniersaal husche.Inzwischen füllte sich der Turniersaal mit Zuschauern und ich freute mich, wieder so viele bekannte Gesichter zu sehen. Die Schachszene ist halt doch so etwas wie eine große Familie, so dass der Wahlspruch der FIDE („gens una sumus“) schon irgendwo einen wahren Kern hat.
Mein obligatorischer Rundgang nach rund anderthalb Spielstunden ließ mich bei dem Winawer-Franzosen von Jens verweilen. Die Stellung war nach anfänglich dynamischer Spielführung ziemlich verschachtelt, wobei ich mittlerweile eigentlich fast lieber die schwarzen (also die von uns aus gesehen falschen) Steine hätte führen wollen. Aber der schulstressgeplagte Jens hat in dieser Saison schon bärenstarke Partien gespielt, so dass ich mir momentan eigentlich keine wirklichen Sorgen machte. Zur Linderung meiner Gedankenkapriolen zog ich mir die zweite Koffeindröhnung rein. Im Rausch sieht man ja bekanntlich manches gelassener! Schon aufgefallen? Irgendwie kompensiere ich Stress durch Nahrungs- oder Flüssigkeitsaufnahme!
Bei dieser Gelegenheit vertiefte ich mich auch ein wenig in Sarahs Position. Hier war’s ebenfalls ein Franzose. Allerdings stand die Boleslavski-Variante auf dem Prüfstand, die die Frauengroßmeisterkandidatin wohl extra auf ihren Gegner zugeschnitten hatte. Für mich sah das Ganze wieder einmal nach einem „all-in-Spiel“ aus. Typisch für unsere mutige Angriffsspezialistin. Sie legt ja gerne mal nach, wo andere vielleicht einfach kneifen würden!
Insgesamt gesehen schien sich die Lage aber irgendwie zu beruhigen, zumal sich Iljas König inzwischen aus der Brettmitte zum halbwegs sicheren Damenflügel verdünnisiert hatte. Freilich panta rhei (alles fließt), wie die alten Griechen sagen.Denn ich musste ich auch feststellen, dass sich die Variante, die Christian inzwischen auf dem Brett hatte, nicht unbedingt zu seinem Vorteil entwickelte. Dabei hatte ich den Eindruck, dass sich sein Gegner so langsam aber sicher eine Druckstellung aufbaute. Sicher, bei objektiver Betrachtung stand Christian vielleicht noch nicht schlechter, aber manchmal reicht ja gerade in dynamischen Stellungen ein kleiner Schritt in die falsche Richtung aus und man schwebt unversehens über den Klippen. Wehe, man ist dann nicht schwindelfrei!
Apropos Abgründe: Etwa zu dieser Zeit goss Fedorchuk am Spitzenbrett Öl ins Feuer. Andrei hatte die Naydorf-Variante gewählt und sah sich nun einem Trommelfeuer von Figuren(schein)opfern ausgesetzt. Das ukrainische Duell war ohne Frage packend! In diesem Zusammenhang sollte ich vielleicht anmerken, dass sich inzwischen allerdings die Stimmung an den hinteren Brettern bei immer knapper werdender Zeit verdüsterte, was mich wiederum dazu veranlasste, mir zwei weitere Minifrikadellen einzuwerfen! Also wieder Stressverarbeitung durch Fütterung! Ich glaub, ich bin ein gefundenes Fressen für jeden Psychoanalytiker! Andererseits waren die Dinger echt lecker! Aber was will ich eigentlich? Meine Gewichtsklasse kenn ich und woher die Mehrpfunde kommen, weiß ich auch. Der berühmte amerikanische Präsident John Fitzgerald Kennedy hätte es sicherlich so ausgedrückt: „…I take pride in the words – Ich ess einen Berliner!...“ Oder verwechsele ich da jetzt was?! Egal: zurück an die Bretter:Dort rückte die erste Zeitkontrolle unerbittlich näher und erwies sich wieder einmal als das momentum veritats – die Stunde der Wahrheit. Allerdings zu unserem Nachteil.
Als erster musste Christian dran glauben, dessen König nun schon eine ganze Zeit lang mit offener Flanke da stand. (0:1). Dann federte zwar Jens ein hochverdientes Remis ab (0,5:1,5), doch in Summa blieb leider nur ein Scherbenhaufen von Katernbergs Glanz & Glorie übrig:
- Andrei: Verluststellung,
- Yuriy: dynamischer Ausgleich,
- Ilja: minimaler Vorteil, aber ungleiche Läufer,
- Igor: ausgeglichene, aber schwierige Stellung,
- Matthias: gleichstehendes Turmendspiel (mit Remisangebot) und
- Sarah: mittlerweile Totalverlust.
Meine Befürchtungen materialisierten sich. Das stank ganz deutlich nach Verlust. Da half auch beten nichts mehr. Glück ist halt eine launische Geliebte! Insofern war das mit meiner Einwilligung erfolgte Remis bei Matthias eigentlich nur noch die schmerzliche Anerkennung der Realitäten. (1:2). Insbesondere als sich dann auch Sarah ins Unvermeidliche fügte. (1:3). Ebenso blieb das Wunder am dritten Brett aus, nachdem sich Ilja dazu entschloss, kein weiteres Risiko mehr einzugehen und in ein Remis einzuwilligen. (1,5:3,5).
Igors Partie endete nach zähem Ringen mit dem gleichen Ergebnis. (2:4). Igor, der zurzeit mit Hochdruck an seiner Doktorarbeit bastelt, war übrigens eindeutig der am besten angezogene Spieler an diesem Tag. Richtig fesch sah er aus! Witziger Weise wollte er sich am Freitag übrigens beinahe im falschen Hotel einmieten und bestätigte damit unfreiwillig alle Vorurteile über die zerstreuten Akademiker.Zum Schluss fightete also noch unsere ukrainische Achse an den beiden Spitzenbrettern. Bei nüchterner Betrachtung hatte aber nur Yuriy gewisse Optionen. Seine Stellung war aufgrund struktureller Vorzüge einen Hauch besser. Irgendwie war es ihm offensichtlich gelungen, den Anzugsvorteil aus der Eröffnung mitzunehmen. Hingegen wehrte sich Andrei zwar immer noch besten nach Kräften, doch das machte seine schwierige Stellung auch nicht remislicher.
Um 20.00 Uhr war’s dann soweit. Andrei gab auf und erlaubte damit den zweiten Sieg Remagens in der laufenden Saison. (2:5). Und das war, musste man neidlos anerkennen, ein verdienter doppelter Punktgewinn! Gratulation!
Yuriy, der am Freitag dankenswerter Weise von Stefan Zell aus Dortmund abgeholt worden war, ließ mich dann aber noch ein wenig schmoren, bis auch er schließlich doch in das Unentschieden einwilligte. (2,5:5,5). Damit ergab sich folgendes amtliche Endergebnis:
| Katernberg | 2,5 : 5,5 | SC Remagen |
|---|---|---|
| Volokitin | 0 : 1 | Fedorchuk |
| Kryvoruchko | ½ : ½ | Parligras |
| Zaragatski | ½ : ½ | Jones |
| Kotainy | ½ : ½ | Dgebuadze |
| Glek | ½ : ½ | Swinkels |
| Thesing | ½ : ½ | Bok |
| Dr. Scholz | 0 : 1 | Popovic |
| Hoolt | 0 : 1 | Kipper |
Trotz leichter Enttäuschung klang der Abend noch stimmungsvoll aus. Wir hatten uns ein brasilianisches Restaurant ausgesucht, das neben gutem Essen auch ein stimmungsvolles Ambiente bot. Erlebnisgastronomie nennt man’s wohl! Dabei war besonders Igor sehr von den hübschen Sambatänzerinnen angetan, die einige Showeinlagen gaben. Sag noch mal einer, Schachspieler wären Nerds und Stubenhocker!
Aber bevor auch ich schlafen gehen konnte, bekam ich noch einen Anruf von Jens. Der war mit seinem Bruder angereist und stellte nun überrascht fest, dass für ihn nur ein Einzelzimmer gebucht war, da ich ursprünglich nur mit ihm allein gerechnet hatte und vorab auch keine andere Rückmeldung erfolgt war. Es fehlte also ein zweites Bett! Da an der Rezeption aber niemand mehr zu erreichen war, organisierten sich die Jungs halt unprätentiös selbst eine zweite Schlafstätte in Form eines alten Sofas, dass sie irgendwo im Haus hatten stehen sehen.
Der nächste Morgen begann mit den üblichen Wasch-, Ankleidungs-, Trink- und Essritualen, einschließlich lockeren Auftaktgesprächen im Turniersaal. Solingens Teamchef Herbert Scheidt hatte gegenüber dem Vortage jedoch leicht umgestellt. Statt GM Alexander Naumann, der aus dringenden privaten Gründen abreisen musste, kam IM Wegerle ins Spiel. Damit geriet natürlich die Vorbereitung unseres Teams zum Teil durcheinander, aber damit muss man immer leben.

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