Bochum geknickt

Geschrieben am 10.05.2022 von Bernd Rosen

Oberliga: SFK 1 besiegt den Bochumer SV mit 5:3!

Unglaublich, aber wahr: Die starke Mannschaft des Bochumer SV, die auch ohne ihr Spitzenbrett Mikhail Zaitsev noch immer eine Großmeisterin und vier Internationale Meister regelmäßig an die Bretter bringt, steht schon eine Runde vor Saisonschluss als Absteiger fest. Und wir haben uns im zweiten Jahr nach dem Wiederaufstieg in der oberen Tabellenhälfte festgesetzt. Den Kampf haben wir nicht irgendwie, sondern ausgerechnet durch ein 4:1 gegen die fünf Spitzenbretter gewonnen. Und dabei gelangen uns neben zwei Remisen drei glanzvolle Siege, die wirklich toll und überzeugend herausgespielt waren.

Das Bochumer Debakel hatte sich vielleicht schon vor Spielbeginn abgezeichnet, denn Dr. Achim Illners Kugelschreiber zerbrach schon vor dem ersten Zug, und als uns die Überbleibsel des Schreibgeräts beim Aufräumen in die Hände fielen, schien uns dies fast wie eine Allegorie auf diesen spektakulären Kampf.

Vier der Bochumer hatten sich am Vortag in Krefeld mit dem 2. Platz bei der NRW-Blitzmannschaftsmeisterschaft für die Deutsche Endrunde qualifiziert, schienen dabei aber viel Kraft gelassen zu haben: Rafael Friedmann bot mir früh Remis an, auch Armin kam gegen Bernd Schneider recht schnell zur Punkteteilung. Wir beide sahen keinen Grund, nach der Taube auf dem Dach zu greifen - eine Einschätzung, die sich aus Mannschaftssicht als richtig erweisen sollte. Auch Martin, dessen Mehrbauernanzahl am Damenflügel ungefähr im umgekehrten Verhältnis zu seiner verbliebenen Bedenkzeit stand, musste sich mit einem Remis begnügen, nachdem ihm die Entwicklung seiner Figuren nur unter Rückgabe des Mehrmaterials gelungen war.

Bosko überraschte schon optisch, da er sich seit unserer letzten Begegnung einen Bart hatte stehen lassen. Ob er irgendwo das alte Volkslied von der Kaperfahrt gehört hat? Alle die mit uns auf Kaperfahrt fahren, müssen Männer mit Bärten sein. Jan und Hein und Klaas und Pit, die haben Bärte, die fahren mit. Ich habe noch keine Idee, wie Bosko da reimtechnisch reinpasst, aber gekapert hat er die schwarze Stellung an diesem Tag auf jeden Fall: Spätestens als er seinen Se5 wie einen Enterhaken auf f7 in die schwarze Königsstellung gehauen hatte, half alle Verteidigungskunst von Anna Zatonskih nicht mehr, um den durch die Löcher eindringenden weißen Figuren standzuhalten.

Als nächster musste sich Ersatzmann Volker mit einem Remis begnügen: Eine gegnerische Schwäche auf h3 reichte nicht aus, um den Gegner ernsthaft unter Druck zu setzen.

Danach schlug die große Stunde unserer beiden Youngster: Timo hatte in einem Bogo-Inder eine strategisch interessante Konstellation aufs Brett gebracht: Sein weißfeldriger Läufer war bei ebenfalls weißfeldrig festgelegten Bauern eigentlich schwach, er hoffte aber auf Angriffschancen dank seines Spitzenbauern auf e4. Außerdem stand der theoretisch "gute" Springer auf a5 doch arg im Abseits. Nachdem er dank einer Unachtsamkeit von Achim Illner die c-Linie erobert hatte, kam es tatsächlich zur taktischen Entladung: Ein Turm besetzte die 2. Reihe, der Läufer opferte sich auf h3, und obwohl Weiß seine Dame noch zur Verteidigung auf den Königsflügel werfen konnte, setzte sich Timos genau berechneter Angriff durch. Bravo!

Nach diesem tollen Sieg wechselte ich schnell ans Brett von Lukas, der in einer Manövrierpartie seine Figuren auf teilweise verschlungenen Pfaden auf den Königsflügel geführt hatte. Sein Damenläufer nahm dabei die Route c1-d2-e1-h4. Wenn man bedenkt, dass auf b2 und f4 eigene Bauern standen, auf d4 ein schwarzer Bauer das Feld e3 kontrollierte, scheint es mir ein wenig übertrieben, dass er sich nach der Partie bei mir dafür entschuldigte, seinen Läufer entgegen der Bernd-Rosen-Regel kurz nach d2 gestellt zu haben! Wie dem auch sei - gerade als ich seine Partie in den Blick nahm holte er zum entscheidenden Schlag aus: Mit dem doppelten Bauernopfer g2-g4! und anschließend f4-f5! öffnete er die Stellung - dies wieder völlig konform mit einer anderen Bernd-Rosen-Regel, die da lautet: Wenn Du den Bauern in der Eröffnung nach f4 stellst, muss er auch nach f5, sonst wünschst Du Dir irgendwann, Du könntest ihn wieder nach f2 zurückstellen. In der Partie sah sich der schwarze König nach diesem Durchbruch und nachfolgendem Abtausch aller Verteidiger dem Angriff von Dame und eben diesem schwarzfeldrigen Läufer völlig allein gegenüber. Mit einigen Schachs stellte sich Lukas den schwarzen König zurecht, um ihn danach vor ein undeckbares Matt zu stellen. Die schwarze Dame auf c7, behindert durch den Ld7, konnte nicht mehr eingreifen. Bravissimo!

Erst beim Stand von 5:2 fiel das einzige Gegentor: Marcus hatte immer eine sehr unbequeme Stellung. Als er sich gerade ein wenig befreit zu haben schien ging leider ein Bauer verloren, wonach das Weiterspielen keinen Spaß mehr machte. Endstand also 5:3.

Vor der letzten Runde liegen wir punktgleich mit KKS Köln und Siegburg auf Platz 2, leiden aber an ausgeprägtem Brettpunktmangel. Aber theoretisch ist sogar der Aufstieg noch möglich, zumal unklar ist, ob Siegburg überhaupt aufsteigen will, wo man die Mannschaft vor dieser Saison doch freiwillig aus der 2. Liga zurückgezogen hatte. Eine verrückte Spielzeit und schon jetzt ein Riesenerfolg für unsere Mannschaft!

Abschließend freue ich mich besonders, die Partien von Lukas und Timo mit ihren Kommentaren hier zum Nachspielen präsentieren zu können:

Schimnatkowski - Heinbuch

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Illner - Küppers

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Es ist noch keiner geboren, der nichts dazugelernt hätte.

Russisches Sprichwort

Schachaufgabe

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