Die Pandemiegewinnler von Nordrhein-Westfalen

Geschrieben am 04.07.2021 von Bernd Rosen

Erfolgreiches Saisonfinale für SFK 1 und SFK 2

Ob ein Glas halb leer oder halb voll ist, darüber streitet die Menschheit vermutlich schon seit rund 3500 Jahren - der älteste sicher zu datierende Glaskelch entstand schließlich um das Jahr 1450 v. Chr. Noch viel älter und existenzieller allerdings ist ein ganz anderes Frage: Ist das noch genießbar, oder muss das weg? Von Beidem etwas hat das Saisonfinale beim Schach: Der Schachbund NRW holte die vor 16 Monaten sorgfältig verschlossene Flasche des Jahrgangs 2019 aus dem Keller, überklebte kurzerhand das alte Etikett mit dem neuen Aufdruck "Saison 2019/21" und kredenzte den Schachspielern das Tröpfchen mit dem Hinweis "Austrinken vom 26.6. bis 4.7. - aber beachtet dabei unbedingt die Hygieneregeln!".

Während etliche Mannschaften auf den zweifelhaften Trunk verzichteten, nahmen andere die Herausforderung an. Auch wir konnten sowohl in der Oberliga als auch in der NRW-Klasse mit vollzähligen Mannschaften antreten und können zumindest mit dem Ergebnis zufrieden sein: SFK 2 steigt als Tabellenführer in die NRW-Liga auf, und SFK 1 konnte dank eines knappen Sieges in Wuppertal den Klassenerhalt aus eigener Kraft sichern. Die Partie des Tages spielte dabei Bosko Tomic am Spitzenbrett, der nach überstandener Corona-Infektion zwar noch immer unter Geschmacksverlust leidet, dem der Appetit auf kleine taktische Gemeinheiten aber trotzdem nicht abhanden gekommen ist:

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Beide Mannschaften waren stark ersatzgeschwächt angetreten: Den Wuppertalern fehlten einige Spieler, die noch nicht nach Deutschland einreisen durften, wir mussten auf den bei der DVM in Willingen engagierten Timo Küppers verzichten, auch Sebastian Siebrecht und Martin Grünter waren nicht am Start. Nominell hatten wir an 7 und 8 ein deutliches Pluas, aber Maximilian Heldt spielte in einem Benoni etwas zu sorglos und verlor, und auch Jan Dette misslang die Eröffnung komplett. Er konnte den Laden aber irgendwie zusammenhalten, sammelte nebenher zwei Bauern ein und gewann am Ende klar. Neben dem schnellen Sieg am Spitzenbrett sah es auch an meinem Brett nach einem Sieg aus. Unbedrängt stellte ich jedoch eine Qualität ein - in wohl schon besserer Stellung bot mein Gegner Remis an, das ich sofort akzeptierte. Auch Marcus Bee spielte recht schnell Remis. Thomas Wessendorf verdarb seine überlegene Stellung in der Zeitnotphase zum Verlust. Endgültig auf die Siegerstraße brachte uns erst der Punkt von Lukas Schimnatkowski: Als wir alle noch rätselten, ob seine Mehrqualität in der festungsartigen Stellung wohl für einen ganzen Punkt reichen würde, beging sein Gegner den entscheidenden Fehler und Lukas gewann durch einen elemantaren Trick eine ganze Figur. Marcus und ich wurden Zeuge und waren uns anschließend einig: Einen Vorteil hat die Maske - man darf unbemerkt grinsen!

Wir haben in den letzten Jahren schon häufiger gegen Wuppertal gespielt, und so unterschiedlich die Kämpfe auch verliefen, so gab es doch eine Konstante - und irgendwie hat es auch etwas Beruhigendes an sich, dass selbst Corona daran nichts geändert hat: Die letzte Partie spielt Khanukov! Diesmal saß Martin Villwock dem zähen Senior gegenüber. Martin hatte zwischendurch große Probleme, am Ende aber konnte er ein Endspiel mit ungleichfarbigen Läufern sicher in den Remishafen steuern.

Da wir in der letzten Runde spielfrei waren, schien dieser Sieg absolut notwendig zu sein. Erst jetzt wissen wir, dass Plettenberg und Dinslaken in beiden letzten Runden nicht antraten und damit die Liga verlassen müssen.

SFK 2 kommt (fast) kampflos zum Sieg

Auch in der NRW-Klasse wurde die Tabelle durch zahlreiche kampflose Ergebnisse massiv beeinflusst. SFK 2 musste in der vorletzten Runde stark ersatzgeschwächt beim abstiegsgefährdeten SV Sundern antreten - hier waren mit Yakub Irkilmez und Nikita Gorainow gleich zwei Stammkräfte wegen der Deutschen Vereinsmeisterschaft verhindert. Mannschaftsführer Jan Dette hatte zwar eine vollzählige Mannschaft an die Bretter gebracht, der Kampf ging aber dennoch mit 6,5:1,5 verloren. Im Nachhinein aber stellte sich heraus, dass Sundern einen Spieler eingesetzt hatte, der zwar Stammspieler der Mannschaft war, im Sommer 2020 aber für einen anderen Verein aktiv gemeldet wurde und inzwischen nicht einmal mehr Mitglied des Vereins ist. Klare Sache für Staffelleiter Frank Strozewski, der den Kampf mit 8:0 für SFK 2 wertete.

Da Schlusslicht Soest vorab erklärt hatte, in der letzten Runde nicht anzutreten, wurde unsere 2. Mannschaft binnen weniger Tage an die Tabellenspitze gespült. Allerdings hätte Wattenscheid 2 mit einem Sieg gegen Münster 3 die Pole-Position wieder zurückerobern können. Lukas Schimnatkowski war der erste, der via WhatsApp und Twitter zum Aufstieg gratulierte, denn die vom Abstieg bedrohten Münsteraner siegten mit 4,5:3,5 und durchkreuzten somit die Aufstiegshoffnungen der Wattenscheider.

Ich gebe zu, so sehr unsere 2. Mannschaft den Erfolg verdient hat - richtig freuen mag ich mich nicht über dieses kuriose Finale der Saison. Aber womöglich ist das nur ein Vorgeschmack auf Schach in den Zeiten der Pandemie? Wir sollten uns wohl alle darauf einstellen, dass wir neben den Schach- auch die aktuellen Hygieneregeln immer parat haben. Was ja gar nicht so einfach ist: Erst wenige Tage vor der 8. Runde kam die Nachricht: "Die Testpflicht im Sport entfällt - Entscheidung der Landesregierung!" Trotzdem lese ich im Ergebnisportal: Spielbeginn um 11.45 Uhr, nachdem alle nicht geimpften einen Test gemacht haben. Vor der 9. Runde dann Kommando zurück: "Zutritt zum Spielsaal nur für Genesene, Geimpfte und Getestete!" Und prompt folgendes Ergebnis in der 9. Runde: Holsterhausen - Sundern 8:0 - Dem SV Sundern fehlten Belege zur Einhaltung der 3-G-Regeln. Ein schwacher Trost, dass nach dem Sieg von Münster das Ergebnis dieses Kampfes keine Rolle mehr spielte - beide Mannschaften steigen ab.

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Die Natur hat uns das Schachbrett gegeben, aus dem wir nicht hinauswirken können, noch wollen; sie hat uns die Steine geschnitzt, deren Wert, Bewegung und Vermögen nach und nach bekannt werden; nun ist es an uns, Züge zu tun, von denen wir uns Gewinn versprechen.

Johann Wolfgang von Goethe

Schachaufgabe

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