Emsdetten

Geschrieben am 01.12.2008 von Ulrich Geilmann

Ulrich Geilmann

So beschwingt haben wir eigentlich noch kein Bundesligawochenende begonnen. Emsdetten setzte hier neue Maßstäbe. Dazu trug insbesondere das absolut urige Mannschaftshotel bei; übrigens eine freundliche Empfehlung unserer Emsdettener Schachfreunde. Eine Augenweide war aber auch die schon weihnachtlich beleuchtete Altstadt mit ihren vielen Kneipen und Restaurants.

In dieser Atmosphäre fand sich am Freitagabend ein absolut gelöstes Team (bestehend aus GM Stelios Halkias, GM Vladimir Chuchelov, GM Paramarjan Negi, IM Nazar Firman, IM Martin Senff, GM (!) Sebastian Siebrecht, IM Robert Ris und IM Georgios Souleidis) zu einem gemütlichen Auftaktessen beim Griechen zusammen. Es wurde gescherzt und gelacht. So bekam unser Paramarjan, der zum ersten Mal unsere Mannschaft verstärkte, gleich einen Eindruck, wie es im Katernberger Team zugeht. Er hatte sichtlichen Spaß an dem Treiben!

Gegen 22.00 Uhr schickte ich die Jungs dann aber doch ins Bett. Schließlich wartete am nächsten Tag mit dem SK Turm Emsdetten ein ernst zu nehmender Gegner auf uns!

Ohne meinen Teddy kann ich ja bekanntlich in der ersten Hotelnacht nicht einschlafen. Ich hatte mich deshalb präventiv mit einigen Mafia-Thrillern bewaffnet, um die lange Nacht zu überstehen. Daher war ich am nächsten Morgen wieder einmal etwas groggy. Doch nach einem kleinen Spaziergang an der guten Münsterländer Luft ging es mir schon wieder besser.

Stefan Zell
Stefan Zell

Um 13.00 Uhr fuhr mich dann Stefan Zell, der unsere Truppe wieder einmal als treuer Schlachtenbummler begleitete, zum Turnierplatz. Die äußeren Rahmenbedingungen waren ansprechend. Ein lichter Raum, ausreichend Platz, funktionierende Technik, Analyseraum mit Livekommentierung und adäquate Verpflegung. Also alles in Ordnung. Es konnte losgehen.

Emsdetten trat mit Mchedlishvili, Hector, Feygin, Janssen, Spoelman, Pruijssers, Brandenburg sowie Zumsande an und erwies sich damit (wie erwartet) als absolut gleichwertiger Spielpartner. So war es auch nicht weiter verwunderlich, dass die Eröffnungsphase von der üblichen Routine geprägt war.

Gleichwohl entstanden ein paar interessante Stellungen. Georgios, der zum ersten Mal in dieser Saison zum Einsatz kam, bot beispielsweise einen seiner Zentralbauern an, den sein Gegner allerdings weise verschmähte; auch Vladimir stand in seinem Paradesizilianer nicht eben unflott. Für Paramarjan entwickelte sich ebenfalls alles positiv. Insgesamt gesehen also ein guter Start!

Nazar hatte hingegen Probleme. Die Stellung wies zu diesem Zeitpunkt mit einem rückständigen Zentralbauern und einem doppelten Lottchen auf der a-Linie strukturelle Defizite auf. Insgesamt beschäftigten wir unsere Gegner aber gut, so dass sich hier und da sogar ein leichtes Zeitpölsterchen ergab. Nur Robert ließ sich etwas mehr Zeit als sein Gegner.

Stelios hatte bei der Olympiade in Dresden noch gesundheitliche Probleme. Davon war erfreulicher Weise keine Rede mehr, so dass ich seine durchaus aktive Stellung als gutes Vorzeichen für den weiteren Partieverlauf deutete.

Martin und Sebastian standen zu diesem Zeitpunkt recht solide. Für Martin war’s übrigens ebenfalls der 1. Bundesligaauftritt der neuen Saison.

Martin Senff

Robert, Vladimir und Stelios opferten nach gut zwei Stunden Spielzeit dann jedoch ausgiebiger dem Zeitgott. Insgesamt gesehen ergaben sich aber keine großen Veränderungen. Etwas Sorge bereitete mir allerdings immer noch Nazar’s rückständiger Zentralbauer. Dafür hatte sich inzwischen aber Parimarjan einen Materialvorteil erspielt.

Während dessen zog Martin ein hübsches Figurenopfer durch; auch Stelios konnte sich leicht verbessern und sein griechisches Pendant am 8. Brett gewann einen Bauern. In der 3. Stunde insgesamt also leichte Vorteile für Katernberg, zumal sich auch Nazar etwas entlasten konnte.

Die Mannschaft brach dann aber völlig unerwartet ein. Mir blieb fast das Herz stehen. Zunächst verschwand Parimarjans Dame vom Brett. Die Stellung bot danach nur noch wenige Ressourcen. Der junge Fuchs aus Delhi kämpfte ums Überleben. Leider traf auch Robby einige problematische Zugentscheidungen und wurde dafür gerecht bestraft. (0:1). Der Vorteil für Katernberg war damit endgültig dahin und ein Trauerspiel nahm seinen Lauf!

Parimarjan Negi

Immerhin wirbelte derweil Martin weiter in den Eingeweiden der schwarzen Stellung. Eine wirklich interessante Partie!

Der nächste Nackenschlag folgte jedoch am 6. Brett. Sebastian ging buchstäblich ein. Verdiente Führung für Emsdetten. (0:2).

Der Kampf sah nun ziemlich bescheiden aus, denn Nazar litt mittlerweile an chronischen Positionsproblemen und akutem Materialmangel; auch Georgios büßte unnötig Material ein.

Ein bitterer Nachmittag bahnte sich an. Es roch nach Niederlage! Daran änderte leider auch der großmeisterlich erspielte Anschlusstreffer von Martin nichts (1:2), denn Stelios musste nun seinem hohen Zeitverbrauch Tribut zollen und spuckte Spiel entscheidendes Material.

Einziger kleiner Lichtblick: Vladimir. (2:2). Doch das machte den Kohl eigentlich auch nicht Fett. Man mochte gar nicht mehr hinsehen! Katernberg konnte nur noch ein Wunder retten! So nahm die Katastrophe ihren Lauf:

Zunächst musste Stelios seine inzwischen hoffnungslose Stellung aufgeben (2:3). Danach remisierte Nazar, der ohne Chance auf Gewinn war. (2,5:3,5).

Zu diesem Zeitpunkt hatten Georgios und Parimarjan selbst bei optimistischer Einschätzung nur maximal Chancen auf Remis. Doch beide schafften es schlussendlich auch nicht. Sie konnten ihre Stellungen nicht mehr halten. Zunächst gab Parimarjan auf (2,5:4,5) und danach Georgios (2,5:5,5). Eine ziemlich deutliche Klatsche!

Hier noch einmal das traurige Endergebnis:

Brett SK Turm Emsdetten - SF Katernberg
1 GM Mikheil Mchedlishvili 1 - 0 GM Stelios Halkias
2 GM Jonny Hector 0 - 1 GM Vladimir Chuchelov
3 IM Michael Feygin 1 - 0 GM Paramarjan Negi
4 IM Ruud Janssen ½ - ½ IM Nazar Firman
5 IM Wouter Spoelman 0 - 1 IM Martin Senff
6 IM Roeland Pruijssers 1 - 0 GM Sebastian Siebrecht
7 IM Daan Brandenburg 1 - 0 IM Robert Ris
8 IM Martin Zumsande 1 - 0 IM Georgios Souleidis
Endergebnis 5,5 - 2,5  

Da sind wir wirklich böse unter die Räder gekommen! Trotzdem: Herzliche Glückwünsche an unsere freundlichen Gastgeber!

Im Hotel brauchten wir dann einige Zeit, um uns wieder zu fangen. Erst nach und nach gelang es, uns wieder auf den nächsten Tag einzustimmen. Moralisch wurden wir dabei von Holger Lehmann unterstützt, der vor einigen Jahren selbst in Katernberg spielte und jetzt für Wattenscheid am Brett sitzt.


Es war allen völlig klar, dass uns am Sonntag mit Werder Bremen eines der Topteams der Bundesliga gegenüber stehen würde. Aber wir wollten unser Fell dennoch so teuer wie möglich verkaufen. Als zusätzliche Motivation bot ich zudem an, meinen Kopf kahl rasieren zu lassen, falls wir gegen Bremen gewinnen würden. Georgios ergänzte, dass er dann das nächste Mal mit einer Elvisperücke antreten wolle.

Am nächsten Morgen überraschte die Hotelleitung mit dem Wunsch, uns in das Ehrengästebuch einzutragen. Der Bitte sind wir selbstverständlich gerne nachgekommen.

Als ich schließlich um 9.15 Uhr im Turniersaal ankam und die Mannschaftsmeldung bestätigte, war dann endgültig klar, dass es ein harter Tag werden würde. Die selbstbewussten Bremer schickten wieder eine absolut starke Mannschaft ins Rennen: Mamedyarov, Eljanov, Efimenko, Areshchenko, Fressinet, Meier, Hracek und Babula.

Georgios Souleidis

In der Eröffnungsphase stach v. a. eine Partie heraus. Georgios sprang seinen Gegner förmlich an. Aber es hatte den Anschein, als ob sich das ganze Team wirklich redlich darum bemühte, mich meines Haupthaares zu befreien! Bei Stelios ging’s ebenfalls zur Sache und auch Nazar zog mit Angriffen auf beiden Flügeln an. Ich freute mich, auf einen interessanten Sonntag!

Im beginnenden Mittelspiel tanzte Sebastian’s Dame ein wenig Twist auf dem Brett, was seinen Gegner nach vorne lockte. Bei Vladimir, Parimarjan, Martin, Robert und ergaben sich mehr oder weniger ausgeglichene Stellungen, so dass ich mir nach gut eineinhalb Stunden Spielzeit eigentlich nirgendwo richtige Sorgen machen musste. Katernberg hielt es heute mit dem großen Südstaaten-General Robert E. Lee, der einmal sagte: "Wir wollen nicht ausweichen. Die Schlacht ist im Gange. Wir müssen sie schlagen!"

Yes, Sir! Nazar nahm sich’s zu Herzen und griff an. Sein Gegner danke es uns mit einem Turmeinsteller im 18. Zug! (1:0). Bremen zeigte Nerven!

Nazar Firman
Nazar Firman

Während dessen setzte unsere griechische Phalanx Stelios und Georgios unnachgiebig auf Angriff; Georgios steckte dabei allerdings einen Bauern ins Geschäft! Parimarjans Stellung sah zu diesem Zeitpunkt auch ganz nett aus. Sein vorgerückter Zentralbauer auf d4 hatte keinen Rivalen mehr! Hoffnung keimte auf!

Etwas verdächtig stand hingegen Martin. Sein Heerlager verteilte sich etwas undynamisch auf dem Brett. Allerdings wurde kurz darauf Vladmir’s Partie heiß. Er opferte einen Bauern, um die zentrale Figurenaufstellung seines Gegners anzurempeln.

Während dessen brach der Gegner von Stelios alle Brücken hinter sich ab, was Stelios mit einem brutalen Einschlag seines Turmes quittierte. Alea jacta est! Der Rubicon war überschritten und ich fühlte mich wie Julius Caesar, der seine Truppen in den Bürgerkrieg schickte.

Stelios Halkias
Stelios Halkias

Dann schlug Vladimir wieder zu. Er kombinierte wie ein junger Gott und zwang so seinem Gegner die Dame ab.

Wenn’s brennt, kommt üblicher Weise die Feuerwehr. Diesmal erlosch das Feuer am 1. Brett. Das Remis von Stelios ging allerdings voll in Ordnung. (1,5:0,5). Leider musste sich kurz danach Robert geschlagen geben. Er hatte seine an sich nicht schlechte Stellung überbeansprucht. (1,5:1,5).

Wie es weiter gehen würde, wagte ich nicht zu sagen, zumal Martin in diesem Moment leider Material geben musste. Der Nachmittag blieb also weiter spannend. Wieder einmal eine Zitterpartie gegen Bremen!

Gleich darauf wurde auch noch Sebastian angesprungen. Sein Gegner opferte einen Springer.

Parimarjan konnte seinen Freibauern leider nicht effektiv genug einsetzen. Sein Gegner entlastete sich spürbar und das folgende Turmendspiel sah relativ remislich aus. Ein ähnliches Resultat schien sich ebenfalls bei Georgios abzuzeichnen.

Vladimir Chuchelov
Vladimir Chuchelov

Vladimir machte kurz drauf seinen zweiten Gewinnpunkt des Wochenendes. (2,5:1,5). Doch Bremen konterte derweil an Brett 6. Sebastian konnte dem Matt nicht entfliehen. Damit war der Ausgleich wieder hergestellt (2,5:2,5).

Kurz danach streckte allerdings Martin leider die Waffen. Bremen ging in Führung. (2,5:3,5). Es sah also insgesamt nach einem knappen Verlust aus. Dabei hätte ich doch so gerne meine Haare gegeben! Ich haderte mit dem Schicksal.

Nach guter Angriffsleistung erspielte sich Georgios dann zunächst die erwartete Punkteteilung. (3,0:4,0). Wenig später fügte sich auch Parimarjan ins unvermeidliche Remis. Damit war der Kampf dann endgültig verloren (3,5:4,5). Es hat wieder einmal nicht sollen sein. Dennoch: Katernberg hat leistungsorientiertes Schach gezeigt. Ein gutes Ohmen für das Heimspiel in Essen!

Glückwunsch an nach Bremen! Wo blieb eigentlich die versprochene Morgengabe, Till?

Brett SF Katernberg - Werder Bremen
1 GM Stelios Halkias ½ - ½ GM Shakhriyar Mamedyarov
2 GM Vladimir Chuchelov 1 - 0 GM Pavel Eljanov
3 GM Paramarjan Negi ½ - ½ GM Zahar Efimenko
4 IM Nazar Firman 1 - 0 GM Alexander Areshchenko
5 IM Martin Senff 0 - 1 GM Laurent Fressinet
6 GM Sebastian Siebrecht 0 - 1 GM Georg Meier
7 IM Robert Ris 0 - 1 GM Zbynek Hracek
8 IM Georgios Souleidis ½ - ½ GM Vlastimil Babula
Endergebnis 3½ - 4½  

 

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Zu wenig Geduld ist wahrscheinlich der häufigste Grund für ein verlorenes Spiel.

Bent Larsen

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