Gegen den Meister

Geschrieben am 08.04.2008 von Ulrich Geilmann

Ulrich Geilmann
Ulrich Geilmann

Dass Trier eine Reise wert ist, muss man nicht sonderlich betonen. Die Porta-Nigra, eine einladende Altstadt, der beeindruckende Dom und urige Kneipen machen das rheinland-pfälzische Universitätsstädtchen an der Mosel zu einem lohnenden Ziel. Vor allem, wenn man einen ortskundigen Führer wie Martin Senff dabei hat, der den Ort bis in den kleinsten Winkel kennt, da er dort zurzeit studiert. So fand sich ein Teil des Teams denn schon am Freitagabend zusammen, um nach einem vorzüglichen Abendessen im Variete Chat Noir, einem stimmungsvollen Brauhaus, die Gegend unsicher zu machen. Kein Wunder, dass es dann am Samstag in gelöster Stimmung, aber durchaus ehrgeizig, gegen den amtierenden Deutschen Meister Baden-Oos ging. Allerdings hab ich persönlich ja die versprochenen Groupies vermisst; aber okay, man kann nicht alles haben! (Martin Senff:"Ich hab die Groupies aber dann doch wieder ausgeladen, dachte das lenkt bestimmt zu sehr ab.")

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Allerdings mussten wir erst einmal den Turniersaal suchen, was aber aufgrund der minutiösen Vorbereitungen unserer Trierer Freunde kein großes Problem darstellte. Überhaupt: Der Turniersaal und die äußeren Rahmenbedingungen waren vorbildlich. Der Schachfan bekam alles, was das Herz begehrte. Ein Licht durchfluteter Raum, Live-Übertragung, Live-Ticker, gute Verpflegung und jede Menge Zuschauer; sogar der Bürgermeister war da!

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Baden-Oos hatte diesmal aufgrund der parallel stattfindenden russischen Mannschaftsmeisterschaft leichte Aufstellungsprobleme. Die angereiste "Ersatzmannschaft" war jedoch immer noch nicht von schlechten Eltern. Mit dem Franzosen GM Etienne Bacrot hatte unser russisch-deutscher GM Igor Glek, der übrigens in reizender Begleitung anreiste, sicher die schwerste Aufgabe zu lösen. GM Stelios Halkias musste gegen GM Liviu-Diener Nisipeanu antreten; auch eine leichte Kost. GM Vladimir Chuchelov, der von seiner Familie unterstützt wurde, war ebenso nicht zu beneiden. Sein Gegner, Francisco Vallejo Pons gehört eigentlich ebenfalls zur Creme de la Creme der internationalen Schachszene. Am 4 Brett durfte sich IM Christian Seel mit GM Arkadij Naiditsch auseinandersetzen. Danach folgten IM Martin Senff gegen GM Peter-Heine Nielsen und IM Sebastian Siebrecht gegen GM Rustam Dautov. Die letzten beiden Bretter verteidigten unser niederländischer Löwe IM Robert Ris erwartungsgemäß gegen GM Philipp Schlosser und "big greek" IM Georgios Souleidis, der übrigens kürzlich souverän ein Open in Oberhausen gewann, gegen GM Fabian Doettling. Die Badener hatten mithin im Durchschnitt über 100 Elopunkte mehr am Brett.

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Die Eröffnungsphase verlief relativ unspektakulär. Etwas Sorge bereitete mir allerdings die Stellung von Robert, der nach langer Rochade in der halb geöffneten b-Linie stand. Ansonsten kochten auch die Badener Cracks nur mit Wasser. Interessante Material- und Stellungsverhältnisse ergaben sich allerdings nach einem Läuferopfer von Martin Senff.

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Im beginnenden Mittelspiel schien sich auf Christians Brett ein kleines Gewitter zusammen zu brauen, als sich der Gegner dazu entschloss, seinen Königsflügel gegen den kurz rochierten schwarzen Monarchen aufmarschieren zu lassen. Ansonsten war mein Puls bei der Betrachtung der Stellungen ziemlich normal! Gut, Vladimir spielte mit einem Bauern weniger; doch das macht mir inzwischen gar nichts mehr aus, zumal er offenbar gewisse Kompensation hatte.

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Robert entwickelte zwischenzeitlich einen interessanten Königsangriff, der insgesamt Hoffnung aufkeimen ließ. Derweil verteidigte sich Martin so effektiv wie Weiland Leonidas an den Thermopylen; aber man weiß ja, was aus ihm geworden ist. So nach dem Motto: "Wanderer kommst Du nach Katernberg, sag, Du habest uns hier in Trier liegen gesehen, wie es das Gesetz befahl!" Insoweit ließ ich erstmal meine Lebenserhaltungssysteme auf Funktionstüchtigkeit prüfen und gab die Parole aus, dass er gefälligst mit seinem Schild nach Hause zu kommen habe und nicht auf ihm!

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Auch Igor, Stelios und Georgios werkelten sich ganz solide Positionen. Eigentlich standen wir insgesamt gar nicht so schlecht. Leider bahnten sich aber bei fast allen anderen Partien erste Zeitprobleme an. Eine der Dinge, an die ich mich wohl nie gewöhnen werde!

Derweil wurde Bacrot am Spitzenbrett ehrgeizig und opferte gegen Igor einen Läufer gegen zwei Bauern. Dadurch entwickelte sich ein durchaus interessantes Endspiel. Caesar hätte es mit "alea jacta est" kommentiert. Der Rubicon war jedenfalls überschritten.

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Leider musste sich Martin wenig später nach einem Fingerfehler geschlagen geben. (0 - 1). Kurz danach ereilte es dann auch Robert. Vielleicht etwas unverdient; doch wenn beide Seiten kompromisslos auf Angriff spielen, kann so etwas passieren. (0 - 2). Das folgende Remis von Christian war in Anbetracht des Partieverlaufes durchaus verdient (0,5 - 2,5).

Etwas Unruhe entstand, als bei Vladimir in hochgradigem Zeitnotduell die Uhr ausfiel und der zuständige Schiedsrichter geschlagene 10 Minuten brauchte, um die Zeitsituation wieder herzustellen. Allerdings war Vladimir am Zug, so dass für ihn keine nachteilige Wirkung entstand. Gleichwohl mochte ich anschließend eigentlich gar nicht mehr hinsehen, um nicht plötzlich per Herzkasper das Zeitliche zu segnen. Jedenfalls ergab sich eine dreimalige Stellungswiederholung. Vladimir reklamiert unklar, die Partie geht weiter und Pons stellt die Figur ein. Aus die Maus! Ich glaube, beim nächsten Bundesligakongress werde ich den Antrag stellen, mir einen Leibarzt beizustellen. (1,5 : 2,5).

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Trotzdem sah es nach absolvierter Zeitkontrolle wenig rosig aus. Igor, Georgios und Stelios hatten eher Verluststellungen; Sebastian eine schwierige Partie. Katernberg konnte nur noch ein Wunder helfen.

Doch das blieb leider aus. Als erster musste Stelios die Waffen strecken (1,5 : 3,5). Danach erwischte es Georgios (1,5 : 4,5) und der Kampf war vorbei. Das hochverdiente Remis von Igor war vielleicht ein kleines Trostpflaster (2 : 5), doch auch Sebastian musste sich schließlich nach schwerem Kampf noch geschlagen geben (2 : 6). So geht's einem halt gegen die starken Spieler von Baden-Oos - Man kommt leicht unter die Räder! Trotzdem: Herzlichen Glückwunsch für die solide Leistung!

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Am Sonntag galt dann: Neues Spiel - Neues Glück. Vordergründig gingen wir als leichte Favoriten gegen die von starken Aufstellungsnöten gebeutelten Trierer ins Rennen. Doch war angesichts der starken kämpferischen Leistung unserer Gastgeber am Vortage gewisse Vorsicht geboten. Außerdem zeigte ein Blick auf die Bundesligatabelle, dass trotz der für uns optimalen Ausgangslage ein kleines (wenn auch sehr theoretisches) Restrisiko verblieb, doch noch in den Abstiegsstrudel zu geraten.

Die Mannschaft ging daher motiviert ans Werk. Allerdings gab es vorab eine kleine Auseinandersetzung zwischen einem der Schiedsrichter und mir über seine etwas merkwürdige Auslegung einer bestimmten Turnierordnungsbestimmung; war übrigens der Gleiche, der die Uhr bei Vladimir am Vortage nicht in den Griff bekam.

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Doch unbeeinflusst davon ging es zur Sache. Die Aufstellung beider Mannschaften war unverändert. Trier trat mit GM Vasilios Kotronias, IM Miklos Galyas, IM Rüdiger Seger, IM Dietmar Kolbus, IM Andrei Nestor Ciora, IM Doru Alexandru Ionescu, Christian Jeitz und Maxim Korman an.

Eröffnungstechnisch ging für uns wohl alles in Ordnung, wenn gleich ein paar äußerst merkwürdige Stellungen auf's Brett kamen. Allerdings kam Stelios deutlich unter Druck, was sofort seinen Zeitverbrauch rapide nach oben schnellen ließ; jedenfalls sah die Stellung wenig bekömmlich aus. Falls es in dieser Eröffnung noch keine "Griechische Variante" gibt - das war so eine! Außerdem lehnte Sebastian ein frühes Remis ab und begann in den Eingeweiden seines Gegners zu forschen. Ansonsten: Keine besonderen Vorkommnisse.

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Bei Igor, Christian, Robert und Georgios sah es im beginnenden Mittelspiel ganz gut aus. Ich wollte mich allerdings noch nicht festlegen, ob die leichten Vorteile tatsächlich zum Gewinn reichen würden; aber eine bessere Stellung zu haben, ist immer noch weit aus ersprießlicher als schlechter zu stehen.

Die Partien von Martin und Vladimir schätzte ich zu diesem Zeitpunkt als eher ausgeglichen ein. Leider opferte Vladimir dabei wieder mal dem Zeitgott, so dass auch hier eine treffende Prognose schwer zu stellen war.

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Nachfolgend spuckte Stelios einen Läufer für zwei Bauern, was zwar die Position leicht entlastete, jedoch nichts an seinen grundsätzlichen Zeitproblemen änderte. Und doch schaffte er in einem packenden Finale ein Remis (0,5 : 0,5). Vielleicht war sogar mehr drin, doch die tickende Uhr im Nacken ließ natürlich keinen Raum für eine tiefschürfende Betrachtung der Stellung. Insgesamt also ein wohl gerechtes Ergebnis.

Der Rest der Partien sah inzwischen ganz hell aus. Die nahende Zeitkontrolle war aber natürlich noch abzuwarten, bevor man sich wirklich an den Stellungen weiden konnte.

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So lange wollte Robert dann doch nicht warten. Er entschied das Zeitnotduell ganz souverän für sich und überspielte seinen Gegner in wenigen Zügen. Eine beeindruckende Leistung (1,5 : 0,5)!

Kurz danach fuhr auch Georgios seine Ernte ein (2,5 : 0,5). Es lief gut. Hatte der gestrige Kraftakt doch Trierer Substanz aufgefressen?

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Igor erspielte sich dann das sichere Remis. Es war ihm leider nicht gelungen, seine hoffnungsvolle Mittelspielstellung auszubauen. Doch das Unentschieden ging aus meiner Sicht ganz in Ordnung (3 : 1). So wollten wir's eigentlich immer haben.

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Danach war es an Vladimir, seine inzwischen klar bessere Stellung in einen Gewinn umzumünzen (4 : 1). Das Glück scheißt halt immer auf einen großen Haufen. Wenn es einmal läuft, dann läuft's. Das Trierer Team konnte einem fast Leid tun. Offenbar war der samstägliche Kraftakt gegen unseren starken Reisepartner Mülheim tatsächlich doch zuviel. Aber der vorläufig 1. Mannschaftspunkt des Wochenendes tat gut.

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Während Sebastian dann seine Endspielmaschine in einem Endspiel Turm, Springer gegen Turm anschmiss, machte Martin mit einem Remis schließlich den Sack zu (4,5 : 1,5).

Katernberg gewann den Mannschaftskampf schließlich hochverdient mit 5,5 : 2,5 nachdem Sebastian sein Endspiel dann doch Remis gab (5 : 2) und Christian schlussendlich auch ins Unentschieden einwilligte.

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Eine insgesamt saugute Saison neigt sich dem Ende zu!

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Im Unglück finden wir meistens die Ruhe wieder, die uns durch die Furcht vor dem Unglück geraubt wurde.

Marie von Ebner-Eschenbach

Schachaufgabe

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