In sechs Jahren zur Weltspitze

Geschrieben am 09.02.2002 von Bernd Rosen

Interview mit Andrei und Alexander Volokitin

Andrei Volokitin (15) zählt zu den grössten Talenten im Weltschach: Auf dem letzten FIDE-Kongress wurde ihm der Großmeistertitel verliehen, mit einer Ratingzahl von 2586 ELO-Punkten zählt er fast schon zu den TOP 100 in der Welt. Sein Aufstieg verlief rasant und zumindest in Deutschland weitgehend unbemerkt, Aufsehen hier zu Lande erregte erst sein Sieg über Ruslan Ponomarjow beim Lausanne Young Masters 2001. Wenig später qualifizierte er sich in Ohrid bei der Europameisterschaft für die FIDE-WM in Moskau (hier schied er in der ersten Runde unglücklich im Tie-Break aus), zuletzt erreichte er beim Open in Bad Wiessee eine hervorragende Platzierung. Anfang Februar gab Andrei im Spitzenspiel gegen Emsdetten sein Debut in der Mannschaft der SF Katernberg. Anschließend hielt er sich mit seinem Vater Alexander, der ihn stets auf seinen Reisen begleitet, für einige Tage in Essen auf. SFK-Vorsitzender Bernd Rosen nutzte die Gelegenheit zu einem Interview mit dem Ausnahmetalent und seinem Vater, freundlicherweise unterstützt von SFK-Spitzenspieler GM Igor Glek, der Fragen und Antworten übersetzte.

Andrei, Du bist schon jetzt ein außerordentlich starker Schachspieler. Wann hast Du angefangen, Schach zu spielen?

Andrei: Die Regeln habe ich 1995 erlernt, also mit neun Jahren.

Wer waren Deine Schachlehrer?

Andrei: Etwa ein Jahr lang mein Vater, ausserdem der Lehrer in der Kinder-Schachschule, Herr Grabinskiy.

Alexander VolokitinIst Dein Vater ein starker Schachspieler?

Andrei (nach längerer Diskussion mit seinem Vater und Igor Glek): Ein durchschnittlicher Spieler, vielleicht mit einer Ratingzahl von 1500 - 1700.
Alexander Volokitin: Ich habe noch keine einzige Turnierpartie gespielt. Eigentlich bin ich Ringer, war einmal Juniorenmeister der Sowjetunion (U18) und habe später als professioneller Trainer gearbeitet. Andrei konnte in der Schule unter vielen verschiedenen Sportarten wählen. Ich hatte natürlich gehofft, er würde sich ebenfalls für das Ringen entscheiden, aber seine Wahl fiel auf Schach. Vielleicht spielt es eine Rolle, dass seine Mutter das Schachspiel erlernte, als sie mit Andrei schwanger war...!?

Welche weiteren Trainer haben Dich auf Deinem Weg an die Spitze begleitet?

Andrei: Keine! Ich analysiere manchmal mit Ivanchuk, natürlich auch mit anderen Großmeistern, und bei der WM in Moskau hat mich Igor Glek unterstützt, aber normalerweise analysiere und lerne ich für mich alleine.

Kannst Du einmal kurz die wichtigsten Etappen Deiner Schachkarriere skizzieren?

Andrei: Nach etwa zwei Jahren hatte ich eine Spielstärke von ca. 2000, meine erste ELO-Zahl (2295) erwarb ich 1998 bei einem Open in Polen. Den Titel eines Internationalen Meisters errang ich 2000, den des Großmeisters 2001.
Alexander: In der Ukraine gibt es ein abgestuftes System von Leistungsklassen, Andrei hat alle Stufen im ersten Versuch geschafft.

Wie viele Turnierpartien spielst Du pro Jahr, und welche Zeit widmest Du dem Training?

Andrei: Ich spiele etwa 120 Partien im Jahr und trainiere täglich ca. 5 bis 6 Stunden.

Welche schachlichen Vorbilder hast Du?

Andrei: Aljechin, Kasparov, Ivanchuk!

Welche schachlichen Ziele strebst Du an?

Andrei (ohne zu zögern): Weltmeister werden!

Siehst Du Möglichkeiten, Dein Spiel noch weiter zu verbessern?

Andrei: Natürlich. Vor allem auf dem Gebiet des Endspiels und bei den technischen Aspekten des Spiels muss ich mich noch verbessern. Auch an meinem Eröffnungsrepertoire mit Schwarz muss ich noch arbeiten.

Du hast ein Laptop dabei. Arbeitest Du viel mit dem Computer?

Andrei: Der Computer ist für mich ein sehr nützliches Instrument, allerdings nutze ich nur die Datenbankfunktionen. Zur Analyse benutze ich den Computer praktisch nicht.

Zu einem anderen Thema: Du bist ja offensichtlich sehr häufig bei Schachturnieren und auf Reisen - besuchst Du noch die Schule?

Andrei: Ja, aber ehrlich gesagt, bin ich nicht sehr häufig dort.
Alexander: Andrei kann als Externer an den Prüfungen teilnehmen. Er erhält auch Lernstoff von der Schule, mit dem er sich selbst beschäftigt. Bis jetzt hat er alle Prüfungen bestanden und keine Zeit in der Schule verloren.

Hast Du ausser Schach noch andere Hobbys?

Andrei: Eigentlich beschäftige ich mich schon ausschließlich mit Schach. Wenn sich die Gelegenheit bietet, spiele ich auch gern Tischtennis, Fußball oder schwimme. Manchmal begleite ich auch meinen Vater zum Angeln.

Alexander, wie finanziert Ihr eigentlich den Lebensunterhalt der Familie?

Alexander: Ich selbst habe meine Tätigkeit als Ringertrainer aufgegeben, da ich so häufig mit Andrei unterwegs bin. Meine Frau, eine ausgebildete Ingenieurin, arbeitet als Managerin in einem Handelsunternehmen. Ausserdem tragen natürlich auch die Turniererfolge von Andrei zum Familieneinkommen bei. Hierzu muss man wissen, dass das durchschnittliche Pro-Kopf-Einkommen in der Ukraine bei etwa 100 Dollar im Monat liegt.

Noch einmal zurück zum Schach: Welche Unterschiede seht Ihr zwischen dem Schachleben in Deutschland und in der Ukraine?

Alexander: Hier in Deutschland gibt es sehr viele Schachvereine und eine riesige Anzahl von Mannschaftswettbewerben: Bundesliga, 2. Bundesliga, Oberliga... In der Ukraine gibt es fast keine Wettbewerbe zwischen Teams. Dennoch gibt es in der Ukraine eine riesige Zahl von grossen Schachtalenten.

Welche Turniere wirst Du als nächstes spielen?

Andrei: Zunächst spiele ich beim Open in St. Vincent mit, das sehr stark besetzt ist, über 30 Großmeister sind dort gemeldet. Anschließend kommt dann die nächste Runde der 2. Bundesliga gegen Andernach. Danach fahre ich aber erst einmal nach Hause, weitere Pläne habe ich noch nicht.

Andrei und Alexander, vielen Dank für das Gespräch!

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Whiskey fördert den Ideenreichtum, aber ein üppiges Mahl vor der Partie ist wie die Vorgabe eines Springers.

Joseph Henry Blackburne

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