Überraschende Wendungen (6/7)

Geschrieben am 20.03.2021 von Lukas Schimnatkowski

Die zweite Auflage der DSOL neigt sich langsam ihrem Ende zu. Trotzdem könnte es vor allem für SFK II nochmal spannend werden, denn die Geschehnisse der sechsten Runde schaffen wieder Raum für berechtigte Hoffnung auf das Erreichen der Endrunde (denn dafür qualifizieren sich jeweils der Erst- und Zweitplatzierte in einer jeden Liga). Nichtsdestotrotz möchte ich der Gewohnheit halber mit SFK I beginnen:

SFK I

Die erste Mannschaft traf in der sechsten Runde mit dem SV Walldorf, auf eine gegnerische Mannschaft, die trotz nominell starker Besetzung bisher noch keinen Mannschaftskampf gewinnen konnte, dafür aber gleich drei 2:2-Unentschieden zustande brachte.

Am ersten Brett traf Bernd Rosen erwartungsgemäß auf Adrian Gschnitzer und hatte mit den weißen Steinen somit mal wieder eine extrem harte Aufgabe vor sich. Um einen Maroczy-Aufbau zu verhindern wählte Bernd nach 1.c4 Sf6 2.g3 c5 3.Lg2 d5 4.cxd5 Sxd5 5.Sc3 Sc7 den Zug 6.Db3!?, der nur selten gespielt wird und somit eine Nebenvariante darstellt. Nach 6...Sc6 7.Lxc6+ bxc6 bekommt Schwarz zwar einen Doppelbauern verpasst, allerdings muss Weiß dafür den kostbaren weißfeldrigen Läufer abgeben. Nachdem Bernd im Folgenden den Bauern c6 schlug, öffnete sich die lange Diagonale gegen den weißen König:

Hier entschied sich Bernd leider zu 17.Lxd4?, was nach 17...cxd4 zu einer äußerst unangenehmen Struktur führt. Schwarz hat neben dem Läuferpaar auch noch großen Raumvorteil im Zentrum. Die schwarzen Bauern sind äußerst beweglich und pferchten den weißen König immer weiter ein, bis Schwarz unter Figurenopfer entscheidenden Angriff entwickeln konnte, 0-1. Mehr Gegenwehr hätte wohl 17.Sd2 geleistet, weil die schwarzen Bauern danach nicht sofort mobil sind. Allerdings hätte Schwarz auch in dieser Variante nach 17...Lf5 18.Dh1 Lg4 mehr als genug Kompensation gehabt.

Am zweiten Brett hatte Thomas Wessendorf nach anfänglichen technischen Problemen und daraus resultierender schlechterer Startbedenkzeit ebenfalls eine schlechte Stellung erreicht. Die Partie kippte allerdings zu Thomas Gunsten, als der gegnerische Spieler mit 20.Lxe5?? sämtlichen zuvor gesammelten Vorteil wegwarf. Zum Preis eines einzigen Bauerns konnte Thomas seine Figuren entscheidend aktivieren und die Partie sogar nach kurzzeitig ausgelassenem Gewinn sicher verwandeln, 1-1. Der gegnerische Spieler patzte zwar am Ende recht deutlich, ich glaube aber trotzdem, dass Schwarz in einer praktischen Partie sicher gewinnen sollte. Hier die gesamte Partie mit Thomas Analyse:

<<  <  >  >>
-

Ich selbst war am dritten Brett sehr zufrieden aus der Eröffnung gekommen. Nachdem ich mich schon in der Vorbereitung auf das Vierspringerspiel mit 4.Lb5 eingestellt hatte, habe ich die folgende interessante Variante ausgewählt: 1.e4 e5 2.Sf3 Sc6 3.Sc3 Sf6 4.Lb5 Sd4 5.La4 (der populärere Zug ist übrigens 5.Lc4, wonach 5...Lc5 6.Sxe5 De7! 7.Sf3! d5 ebenfalls zu scharfem Spiel führt) 5...Lc5 6.Sxe5 0-0 7.Sd3 Lb6 8.e5 c6! 9.0-0 (Wenn 9.exf6?!, dann folgt 9...Te8+ 10.Kf1 Dxf6 mit mindestens genug Kompensation für Schwarz) 9...Se8 10.Se2. Bis hierhin schien mein Gegner nicht sonderlich überrascht zu sein. Mit 10...Dh4! konnte ich ihn aber erstmals ins gründlichere Nachdenken bringen. Ich habe diesen Zug während der Vorbereitung in der Partie Motylev - Carlsen, Wijk aan Zee (2007) gesehen und war auf Anhieb davon überzeugt. Nach 11.Sxd4 Dxd4 12.Lb3 d5! 13.De2 f6 wich mein Gegner jedoch mit 14.De3?! von dieser instruktiven Partie ab (Motylev wählte 14.e6, um Linien geschlossen zu halten), sodass ich nun zum ersten Mal ernsthaft nachdenken musste. Ein paar Züge später entstand diese Stellung:

Hier spielte ich 24...Te8?, was natürlich aussieht, Weiß aber bei korrektem Spiel noch einen Ausweg aus der bereits verlorenen Stellung geboten hätte. Nach 25.Df3 h5! 26.gxh5 Se4 27.Le3 Tf8 ist Weiß erstaunlicherweise noch nicht verloren. Statt des Partiezugs 28.Dg4? (dieser Zug verliert langfristig) hätte 28.Dg2! Weiß noch in der Partie gehalten, denn nach 28...Sxf2 29.Ke2! Dxh5+ 30.Kd2 macht sich der weiße König auf den Weg Richtung Damenflügel, wo er unerwartet sicher steht. Nach dieser Zugfolge hätte ich mir wohl wirklich noch etwas einfallen lassen müssen, um Vorteil aus der Stellung zu holen. Diesem Problem hätte auch der in der Diagrammstellung korrekte Zug 24.Tf8! vorgebeugt, weil Weiß danach den Punkt f2 nicht sofort mit Le3 decken kann. Es droht vernichtend Se4, sodass 25.Lc2 Se4 26.Lxe4 die einzig spielbare Fortsetzung für Weiß ist, wonach Schwarz allerdings ebenfalls umgehend gewinnt, weil Tf3 nicht mehr zu verhindern ist. Schlussendlich konnte ich die Partie aber dank weiterer Fehler meines Gegners doch recht leicht gewinnen, 2-1.

Diese zwischenzeitliche Führung machte an sich große Hoffnung auf einen Sieg, denn am verbleidenden vierten Brett hatte Tamás Kiss bisher eine gute Partie gespielt. Nachdem sich die anfänglich spanische Eröffnung zunehmend in eine geschlossene Stellung verwandelt hatte, konnte Tamás den wichtigen Stützpunkt e4 mit Figuren besetzen, was eigentlich ein zuverlässiger Indikator für eine gute Stellung ist. Leider landete dann ein Turm anstatt eines Springers auf e4, wodurch die weißen Figuren schließlich unkoordiniert waren, wodurch Tamás in Nachteil geriet. Es ergab sich dann der folgende kritische Moment:

Hier spielte Tamás leider 43.Td8+??, was nach 43...Kf7 44.d6 Te8 45.Td7+ Ke6 die Partie kostete, weil e2 und Sd3+ in Folge nicht mehr zu stoppen waren. Das Remis hätte sich problemlos halten lassen, wenn Tamás in der Diagrammstellung entweder 43.Txa6 oder 43.Txh6 gespielt hätte, denn nach 43...e2 folgt jeweils 44.d6! Td7 45.Kf2=. Stattdessen hat sich diese Partie leider zu unseren Ungunsten gewendet, 2-2. Nach diesem Mannschaftsremis könnten wir nun in der letzten Runde am 26.03. mit einem Sieg noch etwas Boden in der Tabelle gutmachen.

SFK II

Die zweite Mannschaft traf bereits am Montag auf den Eckernförder SC und konnte mit einem 2,5-1,5-Mannschaftssieg in der Tabelle ordentlich Boden gutmachen. Den Auftakt machte ein mal mehr Friedrich Dicks, der erneut eine schöne Angriffspartie spielte. Nachdem letzendlich doch eine französische Bauernstruktur entstanden war, konnte Friedl den weißen Angriff ordentlich ins Rollen bringen:

In dieser Stellung spielte Friedl das starke 19.Sf6+! und nach 19...Kh8 (19...gxf6?? 20.Dxh6 Sg6 und z.B. 21.Te3+-) 20.Sh7 Tg8 21.Df4 ist der weiße Angriff schon nicht mehr zu stoppen. Es folgte noch 21...Sg6 22.Lxg6 fxg6 23.Shg5! nebst Matt in wenigen Zügen, 1-0.

Am dritten Brett hatte sich Armin Cremerius nach einer starken strategischen Leistung ebenfalls eine äußerst aussichtsreiche Stellung erarbeitet. Nach einem entscheidenden Bauerngewinn hatte Armin einen entfernten Freibauern, der den gewinnbringenden Vorteil langfristig sicherte. Es war wohl aber nicht so einfach, den Bauern auch kontinuierlich vorzuziehen, da es dem Gegner gelungen war, mit seiner Dame Armins Stellung zu infiltrieren. In Zeitnot entschied sich Armin daher für eine Zugwiederholung, 1,5-0,5.

Etwas brenzliger sah es unterdessen am ersten Brett bei Berthold Humkamp aus. Nachdem Berthold zwischenzeitlich keinen Matchplan finden konnte, geriet er zunehmend in eine reine Verteidigungsstellung, bis der gegnerische Spieler wohl etwas zu übereifrig am Königsflügel mit g5-g4 losstürmte, sodass Berthold einen hervorragenden Vorposten auf f5 mit seinem Springer besetzen konnte. Wenig später entstand diese Stellung:

Hier entkorkte Berthold 35.Dc1!!, wonach Weiß plötzlich auf Gewinn steht. Im Moment ist h6 zwar noch durch den schwarzen Springer auf g4 gedeckt, allerdings wird dieser im nächsten Zug mit Sh2 vertrieben. Da es aber keine Möglichkeit gibt, h6 durch eine weitere Figur zu verteidigen, ist Schwarz schlichtweg verloren. Nach 35...Dg8 36.Sh2 Tg3 37.Sxg4 Dxg4 38.Dxh6+ Kg8 39.Sxg3 gab Schwarz nach wenigen weiteren Zügen auf, 2,5-0,5.

Bei diesem Zwischenstand war es dann auch nicht mehr weiter schlimm, dass Edwin Otremba am zweiten Brett eine bereits länger verlorene Stellung trotz großem Kampfeinsatz leider am Ende verlor (Edwin hatte nach einigen Schwierigkeiten leider die entscheidende Turmlinie in einem Endspiel abgeben müssen), 2,5-1,5. MIt diesem Mannschaftssieg schafft SFK II dank der günstigen restlichen Ergebnisse des Spieltags einen gewaltigen Sprung auf den dritten Tabellenplatz. Mit einem hohen Sieg in der letzten Runde am 26.03. und ein bisschen Glück könnte also noch die Qualifikation für die Endrunde drin sein.

Zurück

Schach ist nicht wie das Leben ... es hat Regeln!

Mark Pasternak

Schachaufgabe

<<  <  >  >>
-