Vergeben und Vergessen (4/7)

Geschrieben am 24.02.2021 von Lukas Schimnatkowski

In der vierten Runde der DSOL wurden wieder zwei ereignisreiche Mannschaftskämpfe gespielt. Beide Kämpfe wurden wieder live auf Twitch kommentiert, dieses Mal von Timo Küppers und Martin Grünter sowie Jan Dette und mir selbst. Dabei freuen wir uns immer über alle Zuschauer und versuchen stets technische Probleme so schnell wie möglich zu beheben, um das Zuschauen so angenehm wie möglich zu gestalten. Nichtsdestotrotz hält eine Live-Show viele technische Herausforderungen bereit, sodass wir hier um Verständnis bitten, falls nicht alles flüssig funktioniert, gleichzeitig aber auch dankbar für jede Rückmeldung sind. Nun aber wieder zum schachlichen Geschehen:

SFK I

Der Mannschaftskampf gegen Osnabrück hatte schon im Vorhinein richtungsweisenden Charakter: Mit einem Sieg würde sich die gewinnende Mannschaft mindestens den zweiten Tabellenplatz sichern, vorausgesetzt die SF Deizisau würden ihrer Favoritenrolle weiterhin gerecht werden. Daher erfreute der vielversprechende Anfang der vier Partien auch alle Beteiligten der Live-Show.

Nicht von bisherigen Rückschlägen entmutigen ließ sich Bernd Rosen am ersten Brett. Noch dazu wählte der Schwarzspieler nach 1.Sf3 d5 2.c4 schon mit 2...d4 eine von Bernd stets gern gespielte Struktur. Nach weiteren normalen Entwicklungszügen konnte Bernd einen vielversprechenden Angriff am Damenflügel inszenieren. Die Stellung wurde allerdings immer komplexer, sodass es vermutlich schwierig war, den Gesamtüberblick über das Geschehen zu behalten. Umso wichtiger ist es, in solchen Partiephasen ein gutes strategisches Gefühl zu haben. Nach zwanzig Zügen war diese Stellung mit Schwarz am Zug auf dem Brett:

Hier wählte der gegnerische Spieler 20...Sed7? (Zur Entlastung hätte 20...Sxf3 gespielt werden müssen), um den Stützpunkt c5 mit dem Springer anzupeilen. Dieser Plan wurde mit 21.c5 vereitelt, wonach sich der Springer mit 21...Sf8 auf eine weitere Wanderung begab. Jetzt kommt allerdings durch den schwarzen Zeitverlust der weiße Angriff erst richtig ins Rollen: Nach 22.b6! Tc8 23.Sc4 (ein wichtiger Vorposten) wollte Schwarz den Springer mit 23.Se6?? wieder ins Geschehen bringen, Bernd setzte aber mit 24.c6!! zum sofortigen Durchbruch an. Schwarz kann nicht mehr verhindern, dass ein weißer Bauer nach b7 vorrückt, wodurch die schwarze Stellung komplett verloren ist. Deshalb war 23...cxb6 der einzig spielbare Zug, aber auch nach 24.Sxb6 Tc7 25.Tb5 hat Weiß durch den äußerst schwachen Bauern b7 großen Vorteil. Nach 24...Sc5 25.cxb7 Sxb7 26.Sfe5 gab Schwarz auf. Ein starkes Comeback von Bernd!

Thomas Wessendorf hatte am zweiten Brett indes einen weitaus schwierigeren Stand. Nach einem sizilianischem Vierspringerspiel geriet Thomas in eine Stellung mit isoliertem Bauern und gegnerischem Läuferpaar, die mir intuitiv überhaupt nicht gefiel, weil keine schwarze Spielidee auszumachen war, während Weiß einfach den schwachen Bauern belagern konnte:

Thomas spielte 20...Td7? und übersah leider, dass Weiß mit 21.Sxd4! einfach den entscheidenden Bauern gewinnen konnte. Wenn Schwarz auf e1 tauscht, nimmt Weiß einfach mit der Dame zurück und der Springer d4 kann nicht genommen werden. Es war allerdings schwierig in der Diagrammstellung überhaupt einen sinnvollen Zug für Schwarz zu finden. Der objektiv beste Versuch dürfte 20...Kh7 gewesen sein, denn nach 21.Sxd4?! Sxd4 22.Txe8 kann Schwarz 22...Sxf3! spielen und sogar kurzfristig einen Bauern gewinnen. Das resultierende Endspiel ist leider trotzdem deutlich besser für Weiß, denn nach 23.gxf3 Dxd2 24.Txd2 Txd2 25.Te7! versprechen die Bauern am Damenflügel Weiß soliden Vorteil. Nachdem in der Partie der schwarze Zentralbauer verloren war, konnte Thomas kein Gegenspiel mehr organisieren. Zwischenstand also 1-1.

Die Kommentatoren der Live-Show versprachen sich allerdings von meiner Stellung recht viel, da ich durch unkonventionelles Spiel am Königsflügel (ich hatte stumpf Tg8 und g5 gespielt, um die weiße Bauernkette zu sprengen) in ein vorteilhaftes Springer-gegen-Läufer-Endspiel gekommen war. Nachdem die Türme zu meinen Bedingungen getauscht wurden, entstand diese Stellung:

Hier war mir auch während der Partie schon klar, dass Weiß nach 36...f6! Probleme haben musste, weil der Bauer e5 nicht ausreichend verteidigt werden kann. Nach 37.Lb7 fxe5 38.fxe5 blieben allerdings beiderseits nur noch wenige Sekunden auf der Uhr, sodass mein Gegner geschickter Weise Remis bot, um mich zusätzlich zu beschäftigen. Nachdem ich mir eigentlich sicher war, dass ich dieses Angebot auf keinen Fall annehmen wollte, überlegte ich in den verbleibenden 30 Sekunden, ob ich Sxe5 oder a5 spielen wollte. Meine Entscheidungsunfähigkeit in dieser Situation führte dann dazu, dass ich bei 5 Sekunden panikartig auf den Remis-annehmen-Button klickte und anschließend in einem Schockzustand über diese Entscheidung verblieb, weil der Mannschaftskampf zu diesem Zeitpunkt einen Sieg meinerseits erforderte, um irgendetwas Zählbares mitzunehmen. Bezeichnenderweise ist die Endstellung nach der von mir vergebenen Chance 38...Kb6!! komplett gewonnen (Se5 oder a5 gewinnen objektiv nicht), weil Weiß den eingeschleusten Läufer nach g2 zurückziehen muss, wonach e5 ersatzlos verloren geht (Beachtenswert ist, dass Weiß nach 39.Lg2 Sxe5 40.Lh3 Sd3! den Bauern nicht zurückgewinnen kann, weil 41.Lxe6?? an Sc5+ scheitert). Spielt Weiß stattdessen den vielleicht bei Lb7 intendierten Zug 39.Lc8?? folgt 39...Sc5+ 40.Kc2 (40.Kb4?? a5#) und 40...Kc7 fängt den Läufer.

Somit lief nur noch die Partie von Jan Dette am vierten Brett, wo mittlerweile die mannschaftliche Niederlage in unsympathische Nähe rückte. Nachdem Jan gegen den Sweshnikow-Sizilianer zwischenzeitlich großen Vorteil hätte erlangen können, geriet er stattdessen in ein komplett verlorenens Endspiel:

Hätte der Gegner hier 49...Sd4 gespielt, wäre Matt in der Brettmitte bereits unvermeidlich gewesen, weil es einfach keine Verteidigung gegen Se2# und Se6# gibt. Stattdessen passierte aber 49...e3?? (man möchte diesem Zug eigentlich ??? geben) und nach 50.Te1 ist Weiß wieder voll in der Partie. Nach 50...Sa7 51.Txe3 Txe3 52.Kxe3 ist das entstehende Endspiel einfach Remis, weil der Springer an das Feld a7 gebunden bleibt und die schwarzen Bauern nicht unterstützen kann. Nach einigen weiteren ereignisarmen Zügen vergaß Jan dann allerdings die immer knappe Zeit, wodurch Schwarz doch noch überraschend gewann.

Folglich war die Enttäuschung bei allen Zuschauern groß, als dieser Kampf mit 1,5-2,5 verloren ging. Es wird uns nichts anderes übrig bleiben, als in der nächsten Runde am 05.03. gegen Deizisau etwas Zählbares mitzunehmen, wenn wir noch in der oberen Tabellenhälfte mitspielen wollen.

SFK II

Auch der Mannschaftskampf von SFK II verlief ernüchternd. An Brett 1 hatte der sonst so besonnen agierende Berthold Humkamp dieses Mal deutlich zu schnell gespielt. Nachdem der Gegner einen gefährlichen Angriff auf den Diagonalen aufbauen konnte, fand Berthold nicht die richtige Möglichkeit diesen abzuwehren. Er verlor in Folge zwei Zentralbauern, sodass die Stellung schon nach einer halben Stunde nicht mehr zu halten war, 0-1.

Armin Cremerius hatte dafür am zweiten Brett eine äußerst vielversprechende Stellung erreicht. Als der Gegner gerade zum Bauernsturm am Königsflügel ansetzte, konterte Armin mit 15...d5! rechtzeitig im Zentrum, kurze zeit später entstand diese Stellung:

Weiß hatte gerade 18.h4? gespielt, was zwar gefährlich aussieht, sich bei korrektem Spiel allerdings als weitere Schwächung herausstellen sollte. In der Live-Show waren wir uns sicher, dass Schwarz nach 18...d3!? Vorteil gehabt hätte, bei genauerer Betrachtung stellt sich allerdings heraus, dass die Varianten danach unglaublich kompliziert sind. Ein klarerer Zug wäre 18...Dc6! gewesen, um den Druck gegen e4 zu erhöhen. Wenn Weiß jetzt den Bauern mit 19.Te1 verteidigt, kann man auf spektakuläre Weise trotzdem schlagen: 19...Sxe4+!! Weiß hat jetzt drei Schlagoptionen: Nach 20.Sxe4? folgt einfach Lxh4+ und Schwarz gewinnt Material. Nach 20.Txe4? folgt ebenfalls Lxh4, dieses Mal ohne Schach, aber Weiß verliert wieder einfach den gefesselten Turm, nachdem der Sg3 im nächsten Zug geschlagen wird. Bleibt nur 20.Dxe4, aber danach spielt Schwarz den stillen Zug 20...Dd7! und schlägt wieder auf h4, sodass der weiße König für den Rest der Partie ein Angriffsziel wäre. Dieser Verlauf hätte den Spieß komplett umgedreht, in der Partie war nämlich der weiße Angriff nach 18...Lc5? 19.Kg2! Dc6 20.Te1 a5 (es ist schwer, etwas Besseres zu finden) 21.g5 hxg5 22.hxg5 so gefährlich, dass Armin versuchen musste, diesen mit Figurenopfern aufzuhalten, was aber nicht gelang, 0-2.

Eine starke Partie spielte ein weiteres Mal Friedrich Dicks, der die gegnerische Eröffnung 1.d4 e5? mit Weiß eiskalt bestrafte. Ich glaube, die Partie bietet einige interessante Momente, exemplarisch ist aber das Ende hervorzuheben:

Schwarz hatte gerade 19...Sh4? gespielt, um die Drohung f5 aus der Stellung zu nehmen, Friedl spielte aber trotzdem einfach 20.f5! und nach 20...Sxf5 21.Sf6+ Ke7 22.Sxg8+ Txg8 23.Lxf5 gab Schwarz mit Minusturm auf.

Die noch verbleibende Partie von Lasse Struck war leider nur noch unter dem Aspekt spannend, ob der gegnerische Schwarzspieler das ungleichfarbige Läuferendspiel gewinnen konnte, was letztlich auch der Fall war. Lasse hatte sich zuvor in einem Endspiel mit seinem Springer gegen das gegnerische Läuferpaar auf den falschen Flügel begeben, sodass wenig später ein gegnerischer Freibauer auf d3 auftauchte, der die weiße Niederlage langfristig herbeiführte. Lasse musste sich immer entweder mit König oder Läufer um diesen Bauern kümmern, sodass der Gegner auf dem restlichen Brett immer eine Figur "mehr" hatte, 1-3.

Somit verbleibt auch die zweite Mannschaft vorerst in der Tabellenmitte und muss ebenfalls am 05.03. zum Endspurt ansetzen, um noch um die oberen Plätze mitspielen zu können.

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Es gibt über 1000 Großmeister und ich bin nicht einer von diesem Gesocks.

Nigel Short

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