Schachgeschichte(n)

Schach in Essen - Chronik eines Augenzeugen

FM Willy Rosen, der das Schachleben in Essen mehr als sechs Jahrzehnte lang nicht nur als Augenzeuge beobachtet, sondern an verantwortlicher Stelle wesentlich mitgeprägt hat, beschreibt in den Schachgeschichte(n) die Entwicklung des Schachlebens in Essen von den Anfängen bis heute. Wie laden Sie herzlich ein, die Beiträge zu ergänzen, zu berichtigen, eigene Erinnerungen oder womöglich Fotos beizusteuern - kurz: wir freuen uns über jede Rückmeldung.

Kontakt: Willy Rosen

Krupp'scher Bildungsverein

Im Essener Westen war es der Kruppsche Bildungsverein, der Schach organisierte und im Jahre 1900 den ersten Schachverein gründete. Zum Vorsitzenden wurde ein Schlosser namens Wilhelm Ranfft gewählt. Außerdem wurde in kirchlichen Verbänden (Deutsche Jugendkraft) und im politischem Raum (Arbeiterschach) Schach gespielt. Betrachtet man die damalige soziale Lage der Arbeiter - die Arbeitswoche bestand aus 6 x 12 Stunden, bezahlte Feiertage oder Urlaubstage gab es nicht - so ist diese Spielfreude höchst verwunderlich.

Essener Schachgesellschaft

Von diesen Gruppen unterschied sich in der Zusammensetzung seiner Mitglieder die im Jahre 1904 in der Stadtmitte gegründete Essener Schachgesellschaft deutlich. Als erste Vorstandsmitglieder nennt Wilhelm Lemke im Mitteilungsblatt des Schachverbandes Industriegebiet aus dem Jahre 1949: Dr. Felsmann, Prof. v. Schütz, Apotheker May (der auch Mitglied in der Schachabteilung des Kruppschen Bildungsvereins war), Bergrat Bolz, Direktor Lange u.a.

Vom „Scharfsinn“ zum SFK
Willi Danelzik
Willi Danelzik

Die Geschichte des stärksten und bedeutendsten Schachvereins in Essen -SFK- beginnt in den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts. Erst nach und nach tauchten auf meiner Spurensuche die genaueren Konturen des Schachgeschehens in Katernberg auf. Der Frisörladen, in dem sich damals, vermutlich mehr oder weniger zufällig, ein paar Schachspieler zu ihrem Hobby trafen, existiert nicht mehr. Ebenso wenig wie der 1925 gegründete Schachklub mit dem schönen Namen "Scharfsinn". Er verschwand wie viele andere nach dem ersten Weltkrieg gegründete Schachvereine.

Aber wie das Leben so spielt: Heute gehört der Schachverein des einst wesentlich von Bergleuten und Industriearbeitern mit ländlicher Herkunft geprägten Essener Vororts Katernberg als Mitglied der stärksten europäischen Schachliga, der Bundesliga, zur bundesdeutschen Schachelite und zählt mehrere Großmeister und Internationale Meister zu seinen Mitgliedern.

Die Gründerväter der SFK-Schachabteilung, der Schreinermeister Willi Danelzik und der Kaufmann Wolfgang Sahl, hätten davon nicht träumen können.

Essener Schachverband

Trotz aller Gegensätze verstand man sich wohl recht gut, denn im Jahre 1919 gründete man mit dem Essener Schachclub (1912-1923) den Essener Schachverband. Zuvor schon hatte der KBV mit Vereinen aus Düsseldorf und Krefeld im Jahre 1901 den Schachverband Niederrhein gegründet.

In der Folgezeit kam es zu einem wahren Boom an Vereinsgründungen. In den bis zum Ende der zwanziger Jahre noch selbständigen Gemeinden gab es von Nord bis Süd, von Karnap bis Werden zahlreiche Vereine. Unter dem Druck der Verhältnisse wandten sich jedoch einige Vereine (wegen zu hoher Beiträge?) konkurrierenden Verbänden wie Arbeiterschach, Deutsche Jugendkraft und einem Verband Turm zu. Es kam zu Wettkämpfen zwischen diesen Verbänden, die mitunter an bis zu 50 Brettern ausgetragen wurden.

Spielerpersönlichkeiten der 20er Jahre

Die maßgeblichen Essener Spielerpersönlichkeiten waren in den 20er Jahren Paul Fellenberg (*1891) und Heinz Multhaup (*1902). Multhaup gehörte der schreibenden Zunft an und hat durch Artikel und Partien in der Tagespresse einen wertvollen Beitrag für das Schachleben in Essen geleistet.

Ab den 30er Jahren beherrschten Dr. Wilfried Lange und Wilhelm Rautenberg, beide 1910 geboren, die Essener Schachszene.

Die Nazidiktatur

Die Vereine litten zum Teil unter der in alle Lebensbereiche eindringenden Nazidiktatur. So löste sich der Schachclub Freibauer aus dem Essener Nordviertel auf, weil sich unter den Mitgliedern niemand bereit fand, in die Nazipartei einzutreten. Die Mitgliedschaft eines Vorstandsmitgliedes in der Partei war zwingend notwendig. Ein Opfer der Nazis wurde der starke Essen-Wester Schachfreund Hans Lomberg. Die sperrten den Kommunisten in ein KZ. Schachlich traten die Essener Schachspieler in der Nazizeit nicht besonders hervor.

Gründung der SFK-Schachabteilung

Die Schachabteilung der Sportfreunde Katernberg 1913 e.V. wurde erst 1932 gegründet. Genaugenommen ein Verein, der sich Schachfreunde nannte und der 1945 den Sportfreunden Katernberg angeschlossen wurde. So wurden aus Schachfreunden Sportfreunde und damit schon frühzeitig entschieden, was in den 80er Jahren eine Streitfrage war, die auf vielen Ebenen kontrovers geführt wurde: Ist Schach Sport oder gehört Schach in die Rätselecke und ist mit Skatfreunden und Brieftaubenzüchtern gleichzusetzen. Alle Schachsportler sind heute noch dem damaligen Präsidenten des Deutschen Sportbundes Willi Weyer dankbar, der sich gegen enormen Widerstand für die Anerkennung als Sport stark gemacht hat.

Schach in den 30er Jahren

Schach in Katernberg Ende der 30er Jahre; rechts im Bild August Conrad (1911-1943)
Herr Conrad wohnte in der Hermannstraße und war ein leidenschaftlicher Schachspieler
Spielstätte und Mitspieler unbekannt
Das Foto wurde zur Verfügung gestellt von Herrn Dietmar Fischer, Essen

Mein erster Schachverein

Sommer 1946 war es, als 13Jähriger sehe ich beim Blick durch ein Fenster im Nebenzimmer einer Gaststätte am Bahnhof Altenessen Brett an Brett Schachspieler sitzen. Ich hatte einen Schachverein gefunden!

Altenessen 24Altenessen 24 vor 1950 - sitzend: Nowak, Malitzki, Hoffmann, Hartmann;
stehend: Radfeld, Hugo Nautsch, Haas, Kulas, Melzer, Kusch (von links nach rechts)

Nach Krieg und Kinderlandverschickung (1943-1945) war ich nach häuslicher Vorbereitung brennend an einem Verein interessiert. Schnell fand ich heraus, dass es in Essen viele Vereine gab. Es herrschte ein reger Spielbetrieb in Einzel- und Mannschaftsturnieren. Der spielstärkste Verein war die Essener Schachgesellschaft 04 mit Dr. Lange, Rautenberg, Surmann und Elm. Dicht gefolgt von meinem Verein, dem Schachclub Schachfreunde Altenessen 24. Er wurde von Albert Malitzki dominiert, Hugo Nautsch, der spielstarke Vereinsgründer, war die Seele des Vereins. Daneben gab es in Kray, ich erinnere mich an Hausmann, Hunning, Gerlich, Beusing, in Rochade 01 mit Schottenheim, Steffens, Zimmermann, in Borbeck und Frintrop starke Spielerpersönlichkeiten, so Korrath, Frohleiks und Schmedthans. DJK Wacker Bergeborbeck, sein Name weist auf den Ursprung in der Deutschen Jugendkraft hin, gibt es noch heute. Er wird seit Jahrzehnten von Walter Gilles geführt. In der Nachkriegszeit war Schauerte sein herausragender Vertreter.

Das Schachleben nach dem 2. Weltkrieg

In den Vereinen wurde um die Clubmeisterschaft, im Bezirk um die Stadtmeisterschaft in mehreren Gruppen gerungen. Die Essener Stadtmeisterschaft wurde in vier(!) Klassen ausgetragen: Vorgruppen, B-, A- und Meisterklasse. Das alles unter der souveränen Leitung des Essener Spielleiters Werner Bromberg.

In den Vereinen war es ähnlich. Es gab eine große Spielfreude. In meinem Verein, Altenessen 24, wurde die Vereinsmeisterschaft in drei Gruppen ausgespielt, jeweils doppelrundig, an kalten Wintertagen mit Hut und Mantel in ungeheizten Räumen!

Fünf-Minuten-Blitzpartien waren noch nicht erfunden. Wenn geblitzt wurde, dann nach Ansage im 5-Sekunden-Rhythmus. Was übrigens zu häufigen Streitigkeiten führte, weil die Bedenkzeit nicht immer eingehalten und dadurch der Rhythmus gestört wurde.

Anfänge der Schachjugend

Jugendliche waren in den Vereinen dünn gesät. Heinrich Harbecke, der später lange Jahre den Vorsitz im Essener Schachverband führte, stellte aus den Vereinen ESG 04 (Günter Abendroth, Hans Reese) Altenessen 24 (Willy Rosen, Paul und Heinz Jäkel) und Kray (Leskau) eine Mannschaft zusammen, die 1948 die NRW-Jugendmannschaftsmeisterschaft gewann.

Ein Denkmal für Dr. Lange!

Ein Schachdenkmal in Essen hätte Dr. Wilfried Lange verdient. Er war lange Jahre nicht nur der stärkste Spieler, sondern tat sich auch als Organisator hervor. Er gründete 1945 den Schachverband Industriegebiet und war sein erster Vorsitzender. Unter seiner Leitung nahm der überörtliche Spielbetrieb Fahrt auf.

Mit seinem Verein, der ESG 04, gewann er 1947 und 1948 in Sarstedt die Deutsche Mannschaftsmeisterschaft. An die Mitspieler sei erinnert: Rautenberg, Herrmann, Lahm, Elm, Surmann, Gerhardt, Marquard, Wilms und (nur 1948) Alfred Brinckmann aus Kiel. Eine Siegerehrung in Anwesenheit von Dr. Gustav Heinemann, Ehrenmitglied der ESG 04, damals Oberbürgermeister der Stadt Essen, unter Mitwirkung der Essener Bühnen fand 1948 im Hotel Kaiserhof statt. Ich erinnere mich gern daran, denn die Jugendmannschaft, die den NRW-Titel gewann, war auch zur Siegesfeier eingeladen.

Deutsche Meisterschaft 1948

Die ersten bedeutenden Einzelturniere der Nachkriegszeit, ein Einladungsturnier 1947 und die Deutsche Meisterschaft 1948 wurden von Dr. Lange organisiert und fanden im Hotel Kaiserhof statt.

1947 war Georg Kieninger Sieger vor Wolfgang Unzicker, gefolgt von Dr. Lange auf dem 3. Platz! Im Feld so starke Spieler wie Elsas, Heinicke, Rellstab, Hönlinger, Sämisch und (mein Idol) Albert Malitzki.

1948 gewann Unzicker vor Kieninger, weiter: Machate, Lothar Schmid, Niephaus, Rautenberg und auf den hinteren Plätzen Rellstab, Teschner und Schuster.

Die Finanzierung der Turniere fiel Dr. Lange 1947 leicht. In seinem Chemielabor wurde aus vergälltem Alkohol ein trinkbares alkoholisches Getränk hergestellt, für das zu R-Mark-Zeiten (auf dem Schwarzen Markt) alles zu erhalten war. Die Deutsche Meisterschaft 1948 (es war gerade die D-Mark eingeführt) führte zu einem Fehlbetrag, für den er persönlich gerade stand.

Schacholympiade 1952

Der Höhepunkt in Dr. Langes Schachkarriere war sicher die Teilnahme an der Schacholympiade 1952 ub Helsinki mit der Deutschen Nationalmannschaft, bei der er 5 Punkte aus 10 Partien erzielte. Das ist umso höher zu bewerten, da er stets seinem Beruf als Chemiker nachging und Schach als lupenreiner Amateur betrieb.

Jugend auf dem Vormarsch

In den 50er Jahren, da muss ich auch von mir berichten, waren es vor allem die Jugendspieler von 1948 die in die Essener Spitze vordrangen. 1950 konnte ich die Deutsche Jugendmeisterschaft gewinnen und 1951 und 1953 wurde ich Essener Stadtmeister. Mein Verein, Altenessen 24, bildete mit mir, Paul und Heinz Jäkel, Albert Malitzki, Hugo Nautsch und seinem Sohn Werner eine spielstarke Mannschaft, die überörtlich bis in die damals höchste Spielklasse, nach dem Schachbund NRW Bundesliga genannt, vordrang.

Günter Abendroth und Hans Reese verstärkten die ESG 04 die lange Jahre in Essen eine Spitzenstellung einnahm.

Rochade 01, in der Nachkriegszeit auch eine Spitzenmannschaft, verlor etwas an Boden und wurde von dem Eisenbahn Schachverein verdrängt. Rückgrat der Mannschaft, die ebenfalls in die NRW-Bundesliga aufstieg, waren vor allem Werner Schreiber, Heinrich Rudnik, Hans Humburg, Jürgen Haakert, Helmut Weichert, Werner Groß, Peter Bleuel und Gerhard Fahnenschmidt.

Die Spielfreude lässt nach

Die Spielfreude der ersten Nachkriegsjahre verlor sich nach und nach. Das lag sicher nicht nur am Vordringen des Pantoffelkinos auch Fernsehen genannt. Die arbeitende Bevölkerung war einem großen Leistungsdruck beim Wiederaufbau der Wirtschaft ausgesetzt. Das Arbeitsleben bestand aus 48 Wochenstunden und mehr, das Wochenende wurde zur Erholung und für die Familie genutzt. Die wenigen Urlaubstage, lange Zeit 18 Werktage, der Samstag zählte mit, ließ keinen Raum für Schachturniere. Für die Verbandsmeisterschaft wurden die Osterfeiertage genutzt, für die NRW-Meisterschaft waren schon Urlaubstage erforderlich.

Die erfolgreichsten Essener Spieler

Mit Wilhelm Rautenberg gelang es 1957 noch einmal einem Essener Spieler der älteren Generation,  sich als NRW-Meister in die Siegerliste einzutragen. 1964 folgte ihm Hans Humburg, 1976 Karl-Heinz Podzielny und von 1994-2000 gleich viermal Sebastian Siebrecht!

Podzielny und Siebrecht errangen den Titel eines Internationalen Meisters und sind damit nach Dr. Lange und Rautenberg die erfolgreichsten Essener Spieler der Nachkriegszeit.

Möglicherweise war der Borbecker Manfred Manke noch stärker. Bei einem Jugendtreffen in Warschau lernte er eine Polin kennen und lebte in Warschau. Er gewann Ende der 50er Jahre in Hastings das Challenger und hatte sich die Teilnahme am alljährlich stattfindenden Meisterturnier erkämpft. Er verlor sein junges Leben bei einem Verkehrsunfall auf vereister Straße.

Vergleichswettkämpfe

In freundschaftlichen Begegnungen, von Vergleichskämpfen an 50 Brettern zwischen den Verbänden in Essen wurde schon berichtet, kam es auch zwischen den Städten zu solchen Kraftproben. Essen konnte lange Zeit seinen Ruf als Schachhochburg behaupten. Ich erinnere mich an Vergleichskämpfe mit Bottrop (ich gehörte noch nicht zum Aufgebot) und Düsseldorf, die jeweils von Essen gewonnen wurden. Gegen Bottrop musste Dr. Lange am Spitzenbrett allerdings eine Niederlage gegen Oskar Wielgos hinnehmen.

Ein Versuch in den 90er Jahren, gegen Dortmund einen Wettkampf an 50 Brettern zu organisieren, ist jedoch gescheitert. Beide Bezirke konnten keine 50 Wettkämpfer auf die Beine bringen.

Niedergang in den 60ern

In den 60er Jahren begann die Front der Spitzenvereine ESG 04, Eisenbahn und Altenessen 24 zu bröckeln. Nach der Saison 1965/66 waren die Eisenbahner aus der Bundesliga abgestiegen, Die Altenessener konnten die Klasse noch halten, hatten jedoch weniger als 16 Mitglieder und waren so nicht mehr in der Lage, eine zweite Mannschaft aufzubieten. Außerdem fehlte ein geeignetes Spiellokal. In den 20 Jahren meiner Vereinszugehörigkeit wurde nicht weniger als sechsmal das Spiellokal gewechselt. Der Versuch mit den Nachbarvereinen Altenessen 30 oder Rot Weiß einen Fusion einzugehen scheiterte.

So kam es zu einem Zusammenschluss der Vereine Altenessen 24 und Eisenbahn zu Essen 24. Die großen Hoffnungen, die mit dieser Fusion verknüpft waren, erfüllten sich nicht. Der neue Verein zeigte die gleichen Symptome wie die beiden Vorgängervereine: Mangelndes Spielinteresse und Rückzug aktiver Organisatoren.

Wechsel zu Katernberg

So suchten Werner Nautsch, Horst Helbing und ich, die letzten vom Stamm der Bundesliganmannschaft Altenessen 24, einen neuen Verein. Albert Malitzki, inzwischen 70 Jahre geworden, war des Umherziehens müde und blieb.

Im nachhinein betrachtet ist es merkwürdig, dass wir uns nicht der ESG 04 anschlossen, die immer noch mit Dr. Lange und Rautenberg an der Spitze, gefolgt von Günter Abendroth und Erich Krüger, eine starke Mannschaft stellten.

Nein, wir wandten uns den Sportfreunden Katernberg zu. Der Verein war seit fast 40 Jahren im Haus Bergfort in Essen-Katernberg beheimatet und nahm mit fünf Mannschaften am Spielgeschehen teil. Er hatte spielfreudige Mitglieder und war gut geführt. Sein Repräsentant Willi Knebel, aktiv als Spieler und Funktionär. Seine Begeisterung für das königliche Spiel wirkte ansteckend. Und.... ein Mann mit Visionen. Er träumte von seiner Katernberger Mannschaft, ganz oben, im Kreis der Besten!

SFK 1967
Danelzik, Rosen, Dr. Gerhard, Knebel, Westenberger, Riesenbeck, Hellbing, Nautsch (vlnr)
Prof. Dr. Henningsen

Prof. Dr. Jürgen HenningsenSo wurde 1967 SFK I neu formiert. Mit den Neuen sollte die Verbandsliga verlassen und die Bundesliga erreicht werden. Mit Helmut Westenberger und Jürgen Riesenbeck waren zwei Spieler aus eigenen Reihen in die Essener Spitzenklasse vorgedrungen. Letzterer brachte vom Lehrerseminar seinen Professor Dr. Jürgen Henningsen mit.

Henningsen, ein Schüler des legendären Fritz Sämisch, stammte aus Kiel und war im norddeutschen Raum als starker Amateur bekannt. Schach und alles was man spielen konnte war seine zweite Leidenschaft. Die erste Stelle belegte seine Wissenschaft, die Pädagogik. Vielleicht irre ich mich auch und seine Familie war ihm noch wichtiger, mit einem eigenen Sohn und drei adoptierten Kindern aus drei verschiedenen Erdteilen, eine sehr ungewöhnliche Familie.

Weiterlesen: Schach ist gelegentlich auch ein Brettspiel

Katernberger Schachtage

Die Ambitionen wurden auch durch eine heute legendäre Veranstaltung deutlich: Zu den "Katernberger Schachtagen" 1967 lud der Verein Robert Hübner und Raymond Keene ein, die sich zum Simultan stellten und an einem Blitzturnier teilnahmen. Der spätere Weltklassespieler Hübner und sein englischer Mitstreiter, der es auch zum Großmeister brachte, übernachteten bei Willi Danelzik - die bis tief in die Nacht ausgedehnten Rotweinrunden sind noch heute Legende.

Katernberger Schachtage 1967
Werner Nautsch, Robert Hübner, Raymond Keene, Dr. Paul Gerhard (vlnr)
Die Aufstiegsjahre

Der angestrebte Aufstieg von SFK I in die NRW-Spitze, die Bundesliga, konnte nicht auf Anhieb erreicht werden. Beim entscheidenden Stichkampf gegen Datteln kam es beim Stande von 3,5:3,5 zu einem Eklat, der drei Instanzen beschäftigte und gegen uns entschieden wurde. Was war geschehen?

In Werner Nautsch’s Partie hatte sein Gegner Breddek in beiderseitiger Zeitnot einen Damenzug ausgeführt, der ein sofortiges Matt ermöglichte. Das sehen und die Dame gedankenschnell auf ein anderes Feld ziehen geschah sozusagen im Handumdrehen. Alle Dattelner sahen: Die Dame war noch nicht losgelassen, zwei Katernberger Kibitze sahen es anders. Willi Elm, ein halbneutraler (weil in Essen wohnhafter) Zuschauer sah die Dame wackeln, sie müsse also losgelassen worden sein, sicher war er sich nicht. Alle Katernberger waren sich einig, wenn Werner Nautsch sagt losgelassen, dann war es so.

Alles nicht so schlimm, ein Jahr später war es erreicht: SFK in der damals höchsten Spielklasse.

SFK 1 Ende der 60er JahreStoßen auf den Erfolg an: Danelzik, Willy Rosen, Dr. Gerhard, Knebel, Westenberger,
Riesenbeck, Nautsch, Horst Hellbing (von links nach rechts)

Simultanvorstellungen

Große Beachtung fand das Schachgeschehen, wenn ein Großmeister, Weltmeister gar eine Simultanvorstellung gab. In den 20er Jahren war es der große Aljechin, der im Saalbau simultan spielte, an den beiden letzten Brettern blind. 1926 erlebte der Zirkusbau „Hagenbeck“ am Gerlingplatz zwischen Aljechin (oder war es etwa Lasker?) und Boguljubow eine Partie mit lebenden Figuren vor mehr als 1.000 Zuschauern!

Bemerkenswert 1949 die Simultanvorstellung von Paul Schmidt aus Heidelberg, der später in die USA auswanderte. Die beteiligte Essener Jugendmannschaft gewann 5,5 Punkte aus sechs Partien. Großen Anteil an diesem Erfolg hatte Paul Jäkel. Weil zu spät gekommen, konnte er nicht mitspielen, aber im Hintergrund war er ein Helfer an anderen Jugendbrettern.

Max Euwe in Essen

Gern erinnere ich mich auch an die ebenfalls im Jahre 1949 von Dr. Euwe gegebene Simultanvorstellung. An meinem Brett nahm sich der Meister schließlich Zeit, holte sich stets einen Stuhl, konnte meinen Angriff aber nicht abwehren.

Der Besuch des Exweltmeisters in Essen, fand große Beachtung, bemühten sich doch alle Sportverbände nach Beendigung des Krieges um internationale Anerkennung und friedliches Miteinander. Bei der Gelegenheit sei gesagt, dass es die Fernschachspieler waren, die als erster deutscher Verband wieder in die internationale Gemeinschaft aufgenommen wurden.

Spassky, Karpov und Timman

Auch die Exweltmeister Karpov und Spassky gastierten in Essen. Spassky in der Buchhandlung Neher. In den verwinkelten Räumen soll er in schlecht stehenden Partien seinen Rundgang unterbrochen und so die Gegenspieler zu schnellem ziehen genötigt haben. Aber das war vielleicht nur eine Ausrede der Verlierer!

1994 tagte in Essen der EU-Gipfel, die Regierungschefs der EU-Länder. Aus diesem Anlass gab es aus öffentlichen Kassen Zuschüsse für begleitende Veranstaltungen. Das rief Willi Knebel auf den Plan. Er organisierte ein Schachfest mit Jan Timan, der freitags gegen prominente Gegner antrat, samstags ein Uhrenhandicap gegen eine Revier-Auswahl an zehn Brettern absolvierte und sonntags simultan gegen Jedermann spielte. Für Jan Timan eine lukrative Veranstaltung, die Revierauswahl konnte sich über eine (unüblich) angemessene Aufwandsentschädigung freuen.

Jubiläumsturnier 1970

1970 war das Jubiläumsjahr des Essener Schachverbandes und des Kommmunalverbandes, damals Siedlungsverband Ruhrkohlenbezirk genannt. Aus diesem Anlass fand ein (mit DM 4.500,00 gut dotiertes) Turnier mit verkürzter Bedenkzeit statt. SFK erwies sich als stärkste Mannschaft im Ruhrgebiet und gewann mit Nautsch, Rosen, Prof. Henningsen und Kanonenberg vor der ESG 04, die mit Dr. Lange, Abendroth, Fuderer und Krüger angetreten waren.

Ein Großteil der Siegprämie von 1.000 DM wurde bei der anschließenden Siegesfeier beim Bauer Barkhoff (Margarethenhöhe) verjubelt.

50 Jahre SV Altenessen 1930 e.V.

1980 feierte der Schachverein Altenessen 1930 e.V. sein 50jähriges Bestehen - u.a. mit einer Simultanvorstellung von GM Vlastimil Hort. 2002 fusionierte der SVA mit den Schachfreunden Rot-Weiß Altenessen zum heutigen SV Rot-Weiß Altenessen 1930. Die Jubiläumsbroschüre gibt einen interessanten Einblick in die Geschichte des Vereins, aber auch in die 80er Jahre. Diesen Leckerbissen für geschichtlich Interessierte gibt es hier komplett als Download:

Jubiläumsbroschüre 50 Jahre SV Altenessen 1930 e.V.

Weltrekord

Eine Simultanveranstaltung der besonderen Art fand beim Haus der offenen Tür der Essener Feuerwehr 1981 statt. Karl-Heinz Podzielny spielte an 575 Brettern simultan (beendete Partien wurden mit wechselnden Partnern neu begonnen) und erreichte eine Erfolgsquote von 90% und einen Eintrag ins Guinnes-Buch der Rekorde.

Twinning Chess Competition
WAZ-Bericht 1987
WAZ-Bericht 1987

Auch von einem einmaligen Ereignis namens twinning chess-competition, erfunden von dem Niederländer Fred Maussen, sei hier berichtet: 50 Stadtmannschaften aus neun europäischen Ländern waren beteiligt. Die Züge wurden täglich per Telefon oder Telex übermittelt: Montags unser Zug, dienstags die Antwort, mittwochs waren wir wieder dran usw.. Sonntags ruhte der Wettbewerb.

Die Stadtauswahl konnte in diesem Tempo nicht zusammenkommen und so wurde in der WAZ, alle zwei Tage ein Diagramm mit dem letzten gegnerischen Zug veröffentlicht und die Leser aufgefordert, eine Antwort vorzuschlagen. Entschieden wurde von der (Rest)Stadtmannschaft, bestehend aus Vater und Sohn Rosen und Willi Knebel. Das brachte viel Stress, mitunter vormittags im Büro zwischen dienstlichen Besprechungen und Telefonaten Willi Knebel am Telefon: Der Anrufer mit den zwei Computern hat dies und das vorgeschlagen. Das wurde dann noch einmal diskutiert, mittags musste der Zug raus. 1987, nach drei Jahren waren sieben Runden gespielt, hatten wir das Turnier gewonnen. Nach fünf Siegen trennten wir uns in den letzten beiden Runden mit Remis.

Simultan beim ESV 01

In der Sylvesterausgabe der WAZ des Jahres 1988 wird auf besonders nette Art über eine Simultanveranstaltung in Essen berichtet: Bernd Rosen spielte gegen zwei Mannschaften des ESV 01 - der älteste Essener Schachverein löste sich kurz nach seinem 100jährigen Jubiläum leider auf. Damals erfreute man sich noch eines regen Vereinslebens, und Ludger Wälken, ein Essener Kunstmaler, hielt das Geschehen während des Simultanturniers in einer launigen Karikatur fest.

Die Mauer fällt auch in Essen

1989, nach dem Fall der Mauer, suchten die Vereine ESG 04 und SF Katernberg Kontakte mit Vereinen in Ostdeutschland. Es kam zu Vergleichskämpfen in Dresden und Halle mit anschließenden Gegenbesuchen. Die Spielergebnisse sind mir nicht erinnerlich, waren aber auch von untergeordneter Bedeutung.

Vom Besuch in Halle (September 1990) gibt es eine Fotogalerie: Fotos Halle 1990

Julian Borowski

Julian Borowski unterstütze in den 90er Jahren Weiße Dame Borbeck. In den Jahren 1999 – 2002 finanzierte er in Folge vier Großmeisterturniere. Sein Engagement endete abrupt, als sein Verein die Bedingungen für sein Sponsoring nicht mehr akzeptierte.

Seit 2007 fördert Julian Borowski die Schachfreunde Überruhr und lotste u.a. den niederländischen Großmeister van der Wiel nach Essen.

SFK: Die 70er Jahre

Nach dem Aufstieg in die Bundesliga NRW hatte sich wohl eine satte Zufriedenheit ausgebreitet, denn im Jahr darauf folgte der 7. Tabellenplatz und damit verbunden der Abstieg. In der Vereinszeitung, einem großen Denker nachempfunden, wurde kommentiert:

Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis.
Das Unzulängliche, hier wird’s Ereignis.
Doch frohlocket nicht, dann seid ihr klug.
Das grausame Spiel, es war nur ein Spuk!
(Goethe/Westenberger).

Richtig: Wiederaufstieg 1973, und als 1974 die NRW - Liga geschaffen wurde, war SFK1 dabei. Der Aufstieg unserer Mannschaft zog andere Spieler an. So Karl-Heinz Podzielny, der von seinem Borbecker Verein zu Katernberg wechselte. Mit ihm am Spitzenbrett erwies sich die Mannschaft in NRW als sehr stark. Sie konnte einen vorderen Tabellenplatz behaupten und zog 1975 in die neugeschaffene Bundesliga ein, die nach regionalen Gesichtspunkten viergeteilt ist.

Heimspiele im Revierpark

Die Heimspiele in den 70er und 80er Jahren wurden im großen Saal des Revierpark Nienhausen ausgetragen - Zuschauerzahlen weit über 100 waren damals keine Seltenheit. Hier ein Schnappschuss aus jenen Tagen:

SFK 1 im Revierpark Nienhausen

Bundesliga-Start mit SFK

Als 1980 mit 16 Mannschaften die eingleisige Bundesliga eingeführt wird, kann sich SFK1 mit einem vierten Tabellenplatz in der 2. Bundesliga qualifizieren, muss aber dennoch einen herben Rückschlag verkraften: Willi Knebel, Non-playing-captain, Motor und Seele der Mannschaft, legt infolge einer persönlichen Krise, seine Ämter nieder. Hinzu kam, dass Karl-Heinz Podzielny, am 1. Brett außerordentlich erfolgreich, zur Konkurrenz nach Bamberg wechselte.

Die Mannschaft mit Nautsch, Rosen, Hülsmann, Blaskowski, Abendroth, Rupp, Waagener, Prof. Henningsen und Dr. Gierse, sowie den Nachwuchsspielern Bernd Rosen und Rottstädt, geführt von Helmut Westenberger, kann die Klasse nicht halten, der Abstieg ist unvermeidbar.

Download: Saisonbroschüre Schachbundesliga 1980/81

Auf und ab in den 80er und 90er Jahren

Damals setzte auch beim Schach eine gewisse Professionalisierung ein, seitdem 1972 Bobby Fischer im historischen Wettstreit mit Boris Spassky den Weltmeistertitel auf dem Höhepunkt des kalten Krieges in den Westen geholt und bei seinem Aufstieg erfolgreich um für Schachspieler bis dato unvorstellbare Gewinnprämien gepokert hatte. Seit dem Bundesligastart spielte auch in der Bundesrepublik Geld eine immer größere Rolle, Katernberg als reiner Amateurverein konnte (und wollte) da zunächst nicht mithalten. Der Abstieg war die logische Folge, selbst die 2. Liga konnte im Spieljahr 1981/82 nicht gehalten werden.

Ungeachtet dieser Rückschläge blieb der Zusammenhalt im Verein stark - eine positive Folge des Verzichts auf Legionäre“. Aus der eigenen Jugend kamend damals Werner Rottstädt, Bernd Rosen und vor allem Johannes Blaskowski in die erste Mannschaft, und 1985 gelang der Wiederaufstieg in die 2. Bundesliga, wo man sich einige Jahre behaupten konnte.

SFK 1 im Jahr 1988
Helmut Westenberger, Willy Rosen, Bernd Rosen, Johannes Blaskowski, Werner Rottstädt, Karlheinz Bachmann, Rainer Wiescholek (Mannschaftsführer), Werner Nautsch (vlnr)
Die Essener Schachgesellschaft

Die Essener Schachgesellschaft 04 gehörte bis 1970/1971 der Bundesliga NRW an. Mit Dr. Lange, Dr. Fuderer, Abendroth, Krüger, Schermeier, Biermann, Losch, und Armbrüster konnte der Abstieg durch Aufstockung der Spielklasse von acht auf neun Vereine vermieden werden.

Zur Erinnerung an ihr früh verstorbenes Mitglied Klaus Jeßnitzer wurde am 20./21.03.71 ein Einladungsturnier durchgeführt. Es gewann Besser vor Christoph und Nautsch, gefolgt von Nehmert, Eising, Gerusel, Dr. Lange und Schreiber.

Zunehmender Mitgliedermangel (1947/48 waren es noch 80 Mitglieder, davon 7 Jugendliche!) und das Fehlen eines geeigneten Spiellokals führten 1972 zum Zusammenschluss mit dem Eisenbahn Schachverein, vormals Essen 24. Mit ihrer ersten Mannschaft, aufgestockt mit talentierten Jugendlichen, wie Wessendorf, Schürmann, Borgstädt und Wolfgang Richter, konnte bis Anfang der 90er Jahre die NRW-Liga und die 2. Bundesliga erreicht werden.

1993 kam das Aus für die Eisenbahn Schachgesellschaft 04. Mit rd. 10 Mitgliedern wurde der Verein mit den SF Katernberg zusammengeschlossen.

Vereine in Essen

1993 kam das Aus auch für die Gehörlosen Schachabteilung 1942.

1994 löste sich eine Gruppe von Germania Kupferdreh, gründete SV Ruhr 1994 und löste sich 1998 wieder auf.

1995 wurden Frintrop 1932 und Weiße Dame Borbeck (vormals Borbeck 25 und Weiße Dame) zusammengeschlossen.

1999 schlossen sich SG Steele 1919 und Kray zusammen.

2001 schlossen sich Altenessen 30 und Rot Weiß zusammen.

2005 löste sich der Essener Schachverein 01 auf.

SFK heute

Die Katernberger Mannschaft konnte sich nach dem Abstieg aus der Bundesliga und einem weiteren Abstieg aus der 2. Bundesliga bis 1995 die NRW-Liga halten. 1996 wurde ein Jahr in der Verbandsliga zugebracht.

1997 fand sich ein Mäzen (Bernhard Laux) und Willi Knebel, der als Mannschaftsführer das Heft wieder in seine Hände nahm. Die neuformierte Mannschaft mit Glek, Siebrecht, Illner, Wessendorf, Bernd Rosen, Armin Meyer, Lingnau und Smagin schaffte 1998 den Aufstieg in die 2. Bundesliga, 2003 in die 1. Bundesliga (mit Volokitin, Smagin, Glek, l'Ami, Senff, Siebrecht, Thesing, Scholz, Hennig, Meyer und Bernd Rosen).

Zur Zeit gehören dem Bundesligakader 16 Herren und eine Dame an. Die Liste wird angeführt von den ukrainischen Großmeistern Volokitin und Kryvoruchko, gefolgt von Romanov (Russland), Negi (Indien), Fier (Brasilien).

Seit 2001 Jahren wird der Verein von Bernd Rosen geführt. Er bekleidet außerdem das Amt des Pressewartes im Essener Schachverband. Unter seiner Leitung wuchs der Verein auf rund 120 Mitgliedern, davon mehr als 40 Jugendliche.

Aufstiegsmannschaft 2003
Bernd Rosen, Igor Glek, Erwin l‘Ami, Sebastian Siebrecht, Andrei Volokitin, Christian Scholz, Falko Meyer, Dirk Hennig, Rainer Wiescholek (MF), Matthias Thesing, Martin Senff (vlnr)

Ein Kluger bemerkt alles, ein Dummer macht über alles eine Bemerkung.

Heinrich Heine

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